Große Geschichte – und höchst lebendig

Über Jahrhunderte war Leipzig eine Art „Welthauptstadt des Buches“. Mit dem Ersten Weltkrieg setzte ab 1914 auch politisch begründet ein Niedergang ein, der Ende des 20. Jahrhunderts wenig übrig ließ vom alten Glanz. Auf dem Tiefpunkt wuchs zugleich ein neues Pflänzchen, das sich seit der Jahrtausendwende beeindruckend entwickelte und Leipzig aktuell wieder als eine Buchstadt erscheinen lässt, die etwas Besonderes in Deutschland darstellt. Regine Lemke, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels-Landesverbandes Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, spricht darüber im Interview.

Frage: Was zeichnete die „Buchstadt Leipzig“ in der Vergangenheit aus und was macht sie heute wieder so attraktiv?

Regine Lemke: Über die „Buchstadt Leipzig“ mit und ohne Anführungsstrichen ist in der Vergangenheit viel geschrieben worden. Da gibt es exzellente historische Darstellungen, aber auch Zusammengeschriebenes mit politischem Kalkül.

Ich will mich der Gegenwart zuwenden: Leipzig ist eine lebendige Stadt. Die Menschen fühlen sich der Literatur, ihren Autoren, den Verlagen eng verbunden. Leipzig lebt und liebt Literatur. Muss man das noch beweisen? Die Begeisterungsfähigkeit, das Interesse an literarischen Veranstaltungen ist beredter Ausdruck. „Leipzig liest“ und „Leipziger literarischer Herbst“ mögen als Beispiele genügen.

Frage: Die heutigen Verlage vor Ort und in der Region sind meist klein und fein. Da werden oft von wenigen Personen exzellente Bücher produziert. Wie erklären sich die hohe Qualität und der Erfolg?

Regine Lemke: Das mit dem Erfolg wäre zu schön. Aber woran misst man Erfolg? Ist es mehr der Achtungserfolg bei der Kritik und im Feuilleton oder ist es der kaufmännische Erfolg? Beides braucht der Verlag. Das als Anmerkung.

Nun zu Ihrer Frage: Ich kann nur Mutmaßungen anstellen: In Leipzig waren 1990 32 Verlage beheimatet. Durch die Ergebnisse der Privatisierung und den Folgen der Entwicklungen danach gibt es von diesen Verlagen in Leipzig nunmehr noch 8 Verlage. Ruhmreiche Namen Leipziger Verlage sind aus dem Verzeichnis entweder ganz verschwunden oder sind nicht mehr in Leipzig auffindbar. Als Beispiele mögen Reclam Verlag, Insel Verlag und Kiepenheuer Verlag genügen.

Aber es gibt viele kluge Leute, die das Handwerk des Büchermachens gelernt haben und ihre Visionen von schönen und schön gestalteten Büchern umsetzen wollen. Dabei gibt es jedoch zwei prinzipielle Probleme: Diese Verlage haben oft kein finanzielles Polster und müssen daher oft jonglieren. Wann kann ein neuer Titel erscheinen? Wie kann ich diesen neuen Titel finanzieren?

Der zweite Problemkreis ist der Vertrieb: Wie komme ich mit meinen schönen Büchern, die meist auch sorgfältig lektoriert sind, in die Buchhandlungen von der Nordsee bis zu den Alpen? Wie kann man bei jährlich circa 96.000 neuen Büchern auf dem Buchmarkt wahrgenommen werden?

Rezepte, Patente gibt es nicht. Nur mühsame Arbeit, die oft nicht zu den gewünschten und erhofften Erfolgen führt. Ich wünsche allen Verlegerinnen und Verlegern Erfolg, Glück, Standhaftigkeit und stabile Nerven. Macht´s weiter – Eure Bücher bereichern den Buchmarkt.

Frage: Das Werden und die einstige Bedeutung Leipzigs als herausragende Buchstadt begründete sich auch in einer Konzentration von exzellentem Wissen und Können, als zentraler Stapelplatz von Büchern und über eine gute Verkehrsinfrastruktur. Mit Blick auf moderne Logistik- und IT-Lösungen: Wäre eine Buchstadt, wie sie vor 100 Jahren dominierte, überhaupt noch förderlich und tragbar?

Regine Lemke: Die Bedeutung Leipzigs als Buch- und Bücherstadt erwuchs aus den Produktions- und Distributionsbedingungen der Vergangenheit. Das kann man nicht vergleichen und in die Gegenwart übertragen.

Geblieben sind neben dem Stolz der Leipziger auf ihre Verlage, auf die hier gemachten Bücher das Interesse an Literatur, an Büchern und viele bedeutende Einrichtungen und Ausbildungsstätten rund um das Buch. Ich nenne nur und bekenne mich zur Lücke: Die Deutsche Bücherei, die Deutsche Buchhändler-Lehranstalt (nunmehr Bestandteil der Gutenberg-Schule), die Hochschule für Grafik und Buchkunst, die Leipziger Universität, die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur und und und… Leuchtturm und Stolz ist natürlich die Leipziger Buchmesse, die sich zum Anziehungspunkt der Büchermacher, Bücherverkäufer und Bücherliebhaber entwickelt hat.

Nach der Wende haben sich viele neue interessante Verlage hier niedergelassen, die das literarische Leben mit prägen. Unsere Datei weist mit Stand vom Januar 2014 95 Verlage in Leipzig aus.

Frage: Auch weil die Welt enger zusammengerückt ist: Lässt sich die heutige Buchstadt Leipzig zugleich als ein Fixpunkt und als ein Synonym für eine attraktive Verlagslandschaft Mitteldeutschland mit Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beschreiben?

Regine Lemke: Leipzig spielt aufgrund seiner historischen Besonderheiten und aktuellen Situation, wie oben beschrieben, in Mitteldeutschland eine besondere Rolle. Der „Leipziger Platz“ war nicht nur ein Wirtschaftsbegriff, sondern bedeutete auch eine inhaltliche Wertschätzung. Sicher, Bücher machen kann man heute überall. Aber nirgends diese Begegnungen, die geistigen Anregungen, diese Netzwerke so intensiv erleben wie hier in unserer einst ruhmreichen, dann geschundenen, nun sich wieder auf sich selbst besinnenden Buchstadt Leipzig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Holger Gemmer

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