Mit Stefan Schwarz in der Mädler-Villa

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Imposante Kulisse: Mädler-Villa in Leutzsch.

Leipzig. Die ehemalige Residenz des Kofferfabrikanten Mädler erstrahlt in hellem Glanz. Die neuen Eigentümer haben die Gründerzeitvilla mit viel Sorgfalt renoviert und laden die Öffentlichkeit zur Buchlesung.

Beeindruckend neben dem opulent mit Marmor und Stuck ausgestatteten Treppenhaus und den zueinander geöffneten großen Räumen auf zwei Etagen das prächtige Bodenmosaik, das im Eingang mit einem SALVE die Gäste begrüßt und sich bis ins Foyer zieht, die Wandverkleidung des Aufgangs zum Foyer aus Marmor, der Jugendstilstuck an den Plafonds des Foyers und der Säle, die exklusive und stilgerechte Papiertapete an den Wänden, die sparsame, aber hochwertige Ausstattung mit größtenteils altem Mobiliar.

Gemütlichkeit verbreitet der kaminartige Brennofen im Foyer, die edlen Glaskristalleuchter sorgen für angenehmes Licht. Eine Ausstellung im ersten Obergeschoss – eindrucksvolle Bilder der Malerin Hjördis Baacke – stimmt die wartenden Gäste auf das Abendprogramm ein. Zuvorkommend und mit freundlicher Zurückhaltung empfangen die Besitzer die Gäste – sie haben sogar für deren leibliches Wohl in Form von appetitanregenden Schnittchen gesorgt. Diese kann man auf der durchfensterten Veranda genießen.

Die beiden Hauptsäle – ehemals Speise- und Musikzimmer – des Untergeschosses füllen sich mit Gästen, denen auf bequemen Lederstühlen Platz angeboten wird. Das Publikum lauscht der sonoren Stimme des Autors, die über einen massiven Gründerzeitschreibtisch hinweg in die Räume tönt.

Die Handlung ist klar definiert und mit wenigen Worten umrissen. Ein Mann, eine Frau – der Stoff, aus dem gut verkäufliche Bücher gemacht werden.

Jeder hat es schon einmal gesehen, das ungleiche Paar auf der Straße. Das Paar, das unser Klischee des Mann-Frau-Ideals massiv zu stören vermag. Sie: groß, attraktiv – ein wahrer Hingucker; er: unscheinbar, nicht weiter auffallend – und WESENTLICH kleiner als sie. Man braucht wohl keine bessere Vorlage (außer die bewährte Kategorie sie blutjung, er stockalt), um das Kopfkino anzuschmeißen: Was findet die denn an dem? Wie sind die beiden zusammengekommen und welche wirkmächtige Kraft hält sie wohl in dieser Konstellation?

Es gibt so viele Antworten, wie viele es solcher Paare gibt. Eine Antwort liefert Stefan Schwarz. Als hätten wir es geahnt, schlägt er mit ausgefeilter Sprache in die selbstverständlich anrüchige und höchst unmoralische Kerbe: es geht nämlich um Geld bei der Liebe.

Dem Leser seines Buches tun sich Facetten menschlichen Zusammentreffens auf. Unterschiedliche Motivationen führen die Protagonisten im Jahre 1995 zusammen: ihn, den Doktoranden der Altphilologie und sie, das Mädchen aus Tomsk, die leidenschaftlich Volleyball spielt. Er, bereit für die Akademische Laufbahn, kurz vor Vollendung der Dissertation, aber in – wie soll es auch sonst sein – prekärer Situation; sie, nicht vermögend, schön, aber ohne Perspektive und bereit für eine bessere und möglichst reiche Zukunft, auch für eine Ehe, Hauptsache nicht in Russland. Unter normalen Umständen wären sich er und sie nicht begegnet.

Katalysatorenfunktion bei dem Matching hat der Inhaber einer Heiratsagentur mit der euphemischen Firmierung „Briefe an Freunde“. Und er hat unschlagbare Argumente: als Gewinn winken Ullrich 10.000 Mark „Aufwandsentschädigung“, Elena hingegen der feste Tritt auf das Sprungbrett in eine sorglose Zukunft mit einem Mann. Letzterer ist natürlich nicht Ullrich selbst, er ist quasi nur der Schlepper, der Elena eine Aufenthaltserlaubnis besorgt, damit diese ihre körperlichen Vorzüge gezielt in Deutschland einsetzen kann. Doch da ist noch eine Hürde, die das unterschiedlich definierte Glück der beiden gefährdet: das Amt, das es von der Authentizität der wahren Liebe zu überzeugen gilt.

Mit geradezu komödienreifen Talent trägt der Autor die für den Abend ausgewählten Passagen aus seinem Buch vor. Besonders unterhaltsam ist er bei den wechselnden Rollen, in die er auf verschiedene Arten sprachlich reflektiert und artikuliert. Schon in der ersten Sequenz hat er mit einigen Slapsticks das Herz des Publikums gewonnen und während der folgenden 2 Stunden das Schmunzeln und Lachen des Publikums auf seiner Seite.

Sehr angenehm auch, dass den Autor in Begleitung eines Pianisten gekommen ist, der die Redepausen mit kurzweiligen, passenden Stücken erhellt.

Eine Lesung in exklusivem Ambiente, die sich sicher bei vielen im Langzeitgedächtnis verankert.

Stefan Schwarz las aus: Die Großrussin; in der Leipziger Mädler-Villa am 13.03.2014, 20.00Uhr

Zita Á. Pataki

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Neben der Mädler-Passage gibt es in der Mädler-Villa ein ähnlich imposantes Mädler-Treppenhaus.

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