Alter Knabe taufrisch

Kommt ein alter Knabe taufrisch und voller Lebenskraft daher, kann das daran liegen, dass er sein Tun der Förderung junger Menschen widmet. Oder auch, wie im vorliegenden Fall: Weil ein junger Mensch mit reichlich Können und Leidenschaft eine große Tradition erfolgreich neu belebt.

Der Weimarer Knabe-Verlag wurde 1932 zu einer Zeit gegründet, als „Dracula“ mit Hilfe von Bela Lugosi gerade das Laufen lernte. Da kämpfte „King Kong“ mit „Königin Christine“ um den Oscar, wetteiferte die „Drei-Groschen-Oper“ mit „Berlin Alexanderplatz“ und „Lichter der Großstadt“.

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ traten gegen „Frankenstein“ an, Gustaf Gründgens suchte Peter Lorre via „M“ als Mörder und Marlene Dietrich war die „Blonde Venus“. „Tarzan“ kletterte erstmals auf Bäume, während Greta Garbo, John Barrymore und Joan Crawford „Menschen im Hotel“ gaben, Fritz Lang „Das Testament des Dr. Mabuse“ aufschlug und die schöne wie auch in höchstem Maße kluge Hedy Lamarr in „Ekstase“ geriet.

Alles Klassiker, die aber noch getoppt wurden von den „Mädchen in Uniform“ mit den Leipziger Schauspielerinnen Hertha Thiele und Dorothea Wieck in den Hauptrollen. Ein legendärer deutscher Streifen, der zur weltweit erfolgreichsten Filmproduktion der frühen 1930er Jahre wuchs. Gefeiert vor allem in Japan und den USA, sehr populär zudem in Frankreich, Großbritannien und Mexiko.

Hertha Thiele hatte das Zeug zum Weltstar, legte sich aber mit den Nazis an und konnte dabei nicht auf ein smartes Management wie Marlene Dietrich zurückgreifen. In der DDR begegneten ihr die Mächtigen später skeptisch statt ihr mutiges Aufbegehren zu würdigen und auf ihr herausragendes schauspielerisches Können zurückzugreifen.

Der Lebensweg des Knabe-Verlages lässt sich ähnlich aufgewühlt und mitfühlend wahrnehmen. Als die Leipzigerin Hertha Thiele am 5. August 1984 in Berlin starb, ohne über ihr Schicksal verbittert zu sein, war kurz zuvor mit dem Tod der beiden betagten Verleger-Söhne Gerhard und Wolfgang Knabe auch die Geschichte des Weimarer Knabe-Verlages abgeschlossen worden.

Das stimmte viele Menschen traurig, denn zum Beispiel die Reihe „Knabes Jugendbücherei“ war zu einem Klassiker gereift, der über Generationen hinweg gar Kultstatus erlangt hatte. Die Erinnerung daran überdauerte fast ein Vierteljahrhundert. Dann machte sich ein neuer Knabe auf den Weg. Steffen Knabe, ein Ur-Urenkel des Verlagsgründers Karl Friedrich Knabe.

Die besondere Ausrichtung und den strikten Geist seiner Vorgänger und Ahnherren hat dieser taufrische Knabe tief und fest verinnerlicht: „Wir wollen grundsätzlich bezahlbare Kinder- und Jugendbücher mit Charme und Magie entwickeln, ohne Massenprodukte in Riesen-Auflage auf den Markt zu bringen.“

Es geht darum, die Fantasie anzuregen, ein altersgerechtes Eindringen in neue Welten zu fördern und somit die Grenzen des TV-Angebots zu überwinden. Viel Sorgfalt wird der Buchgestaltung gewidmet. Regine Lemke, der scheidenden Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels-Landesverbandes für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fiel bei der jüngsten Präsentation sogleich das Lesebändchen des schön illustrierten Buches auf: „Da werden den jungen Leserinnen und Lesern gleich besondere Werte vermittelt. Sehr gut.“

Die verfügbaren Titel des Weimarer Knabe-Verlages finden sich unter www.knabe-verlag.de.

Holger Gemmer

Cover_Mauerspechte

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