Erster Weltkrieg greifbar

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Gerade mal 19 war Edgar Voerster – da fiel der Spross der Leipziger Verleger-Dynastie Volckmar/ Voerster 1917 in Flandern in der grausigen Schlacht von Paschendale. Fotos (2): Karsten Uhlmann

Der BUCHFUNK Verlag ist ein starkes Stück Leipzig. Er zählt zu den Hoffnungsgebern der Buchstadt und sammelt Preise, Lob und Auszeichnungen fast am Fließband. Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges 1914 lässt er 17 große Autoren „1914-1918“ erzählen – in einem Hörbuch, das bundesweit Komplimente sammelt und das Völkerschlachten greifbar macht.

Der Leipziger Südfriedhof präsentiert sich vom Frühjahr bis zum Herbst als wunderschöner Park, der zum Spaziergang einlädt. Gleich neben dem Völkerschlachtdenkmal, das aus dieser Perspektive wie ein riesiger Grabstein wirkt. Neben diversen anderen beeindruckenden letzten Ruhestätten, die oftmals eindringliche Geschichten erzählen.

Einzelschicksale etwa aus dem Ersten Weltkrieg. Sie machen das Grauen aus dieser vier Jahre währenden Völkerschlacht greifbar nah – und in der Masse dieser individuellen Begegnungen sind sie eine aufrüttelnde Warnung vor neuen Kriegen.

Da ist zum Beispiel der junge Dr. Ludwig Schwabe, der Schiffsarzt des berühmten Kleinen Kreuzers SMS Emden (1908). Er starb am 10. November 1914 schwer verletzt auf der Kokosinsel North Keeling im Indischen Ozean zwischen Indonesien und Australien, nachdem er zuvor trotz seiner starken Verwundung an einer verzweifelten Rettungsaktion für seine Kameraden teilgenommen hatte.

Ein Teil der Besatzung entkam auf abenteuerliche Weise und kehrte unter Führung des aus Zwickau stammenden Kapitänleutnants Hellmuth von Mücke unter anderem nach einem Fußmarsch durch die arabische Wüste nach Deutschland zurück – um dann anschließend auf den Schlachtfeldern Flanderns verheizt zu werden …

Dort starben auch Alfred Erhard Langer und Edgar Voerster. Nachdem die beiden 18- und 19-Jährigen das Schlachten von Verdun und an der Somme überlebt hatten, marschierten sie in die Dritte Flandernschlacht bei Ypern, in der Endphase auch als Schlacht von Paschendale benannt, wo sie Ende August und Anfang September 1917 fielen.

Mehr als 600.000 Soldaten kamen um bei diesem grässlichen Morden, an das aufwühlend etwa die britische Heavy Metal Band Iron Maiden mit ihrem Titel „Paschendale“ erinnert: In fremder Erde liegt der einsame Soldat im unbekannten Grab … Erzählt der Welt von Paschendale! Ganz ohne Ressentiments. Zur Warnung und Versöhnung.

Ein irres Hin und Her. Die Briten hatten ihren Angriff auf einen zehn Kilometer breiten Abschnitt begonnen, indem sie mit 2.000 schweren Geschützen 17 Tage lang pausenlos auf die deutschen Stellungen feuerten und dann 19 gewaltige Minen zündeten, deren Detonationen bis nach Dublin zu hören waren … Ganze Ortschaften wurden von solchen abwechselnden Feuerwalzen komplett umgepflügt. Das weltweit verbreitete Bild des total zerfetzten Waldes von Hooge zählt zu den eindringlichsten Mahnungen gegen den Krieg.

Die Eltern Langer betrauern auf dem Leipziger Südfriedhof den Verlust ihres einzigen Sohnes – und dass seine letzte Ruhestätte nicht bekannt ist. Alfred Erhard Langer starb bei Hooge … Dort gibt es keine Gräber, nur Orte des Grauens.

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Gedenktafel auf dem Leipziger Südfriedhof für einen Hoffnungsträger: Alfred Erhard Langer (18) liegt in einem unbekannten Grab bei Hooge.

Solchen persönlichen Geschichten und Eindrücken hat sich auch der Leipziger BUCHFUNK Verlag gewidmet. In „1914-1918 – Große Autoren erzählen vom Ersten Weltkrieg“ kommen 17 Größen zu Wort. Darunter Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“), Ludwig Renn („Krieg“) und Arnold Zweig, dessen sechs Einzelwerke umfassender Zyklus „Der große Krieg der weißen Männer“ (unter anderem „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ und „Erziehung vor Verdun“) ein Schlüsselopus zum Ersten Weltkrieg ist.

153 Minuten lang wird der Erste Weltkrieg greifbar, wird aufwühlend hinter die Kulissen der Geschichtsschreibung geblickt, hinein in die Abgründe menschlichen Tuns. Obwohl Ernst Jünger fehlt in dieser Runde. Er war in Flandern dabei und beschreibt in seinem Tagebuch etwa, wie 200 Meter entfernt von einem durch eine Granate getöteten Kameraden eine Hälfte seines Schädels gefunden wird. Eine Katze macht sich gerade mit seiner Zunge davon …

Der BUCHFUNK Verlag setzt bewusst auf persönliche Erlebnisse. Sie greifen tiefer und sie zeigen, dass Krieg kein Heldenepos ist. Mehr Informationen zu „1914-1918 – Große Autoren erzählen vom Ersten Weltkrieg“ unter http://www.buchfunk.de.

Holger Gemmer

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Reise ohne Wiederkehr: Der junge Schiffsarzt Dr. Ludwig Schwabe fiel gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Foto: H.G.

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