Schatztruhe Antiquariat

Auch das ist einzigartig in der Buchstadt Leipzig: Die harmonische Verbindung einer Antiquariatsmesse mit einer Buchmesse für Neuerscheinungen kann wahrscheinlich nur an einem Ort gelingen, an dem Vergangenheit und Zukunft innig umschlungen in der Gegenwart kuscheln.

Dass es auf der Leipziger Buchmesse 2014 einen direkten Verbindungsgang zwischen der hippen Manga-Comic-Convention und der eher gediegenen 20. Antiquariatsmesse gab, wirkt bei näherer Betrachtung eher logisch als absurd. Nicht nur weil vermeintliche Gegensätze neugierig machen.

Schon aus der Entfernung weckt die Antiquariatsmesse auf der Leipziger Buchmesse Erinnerungen an Asterix und Obelix. Konkret: An dieses kleine wehrhafte Dorf mit seinen zum Teil außergewöhnlichen und in manchen Dingen andersdenkenden Einwohnern.

Statt eines Zaubertranks gibt es hier besondere Schätze, die leicht verzaubern können. Das beginnt schon an der markanten Mauer, die sich wie eine trutzige Wehranlage um das gesamte „Burgdorf“ zieht. Diese Mauer ist eine gewaltige Bücherwand, die es abzutragen statt einzureißen gilt und das Herz von Schnäppchenjägern freudig hüpfen lässt. Hier finden sich Klassiker und Bestseller aus allen Genres zum kleinen Preis.

Wer diesen verlockenden und fesselnden Bücherwall überwindet und ins Innere vordringt, gelangt in eine Zauberwelt der Bücherliebe. Als kleine Vorspeise hält etwa das Antiquariat Bachmann & Rybicki die Erstausgabe der „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ von 1772 bereit, für die Johann Gottfried Herder 1770 der Preis der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin verliehen wurde.

Ein paar Regalbretter weiter findet sich beim gleichen Anbieter für 1.500 Euro das vor 400 Jahren entstandene „Grundlagenwerk der Lutherischen Hochorthodoxie“ von Johann Gerhard.

Gleich gegenüber in Melzer`s Antiquarium aus Lüdenscheid entführt der „Attlas“ von Prof. Johann Baptist Homann in ein umfangreiches Original-Kartenwerk aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine bunte Schau versammelt Ansichten aus dieser Zeit etwa von Europa, dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation oder auch von Boston und Umgebung. Mehr als 34 doppelseitige farbige Kupferstiche für zusammen 3.800 Euro.

Das Zentralantiquariat Leipzig hält beispielsweise die Erstausgabe von Carl von Clausewitz‘ Klassiker „Vom Kriege“ für 2.700 Euro bereit. Die Leipziger Bücherinsel Jens Förster ist derweil spezialisiert auf wertvolle Ausgaben der Insel-Bücherei und des Insel-Verlages. Da gibt es etwa eine höchst seltene und von Henry van de Velde im Jahre 1908 wunderschön gestaltete Jugendstil-Ausgabe von Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ für 2.800 Euro.

Bührnheims Literatursalon aus Leipzig zeichnen signierte Bücher aus und hat fast sämtliche Literatur-Nobelpreisträger versammelt. Dazu diverse Größen aus Kunst und Kultur, Wirtschaft und Politik. Sport-Asse fehlen ebenso wenig wie die Granden der Wissenschaft oder auch Meisterwerke der Literatur. Eine höchst beeindruckende Schau.

Dieter Bührnheim hat sich gleich mit den beiden benachbarten Autographen-Händlern Ralf Hahn („scripta scientium“) und Dr. Ingo Fleisch („Manuscryptum„) angefreundet. Ralf Hahn wartet etwa auf mit einem eigenhändigen Brief inklusive Unterschrift von Marie Curie, der Nobelpreisträgerin für Physik 1903 und für Chemie 1911. Kostenpunkt: 7.200 Euro.

Deutlich geringer fällt bei Ingo Fleisch eine Originalunterschrift von Jean de Villiers aus. Der einstige Gouverneur von Holland stand im Dienst des Herzogs von Burgund und kämpfte 1429 gegen Jeanne d’Arc, die er an der Einnahme von Paris hinderte.

Nicht zu vergessen auch der Bereich Photographie: Michael Jahn vom Berliner Antiquariat KaraJahn zeigt zum Beispiel 37 Originalfotos im Postkartenformat über die Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1938. Preis: 14.500 Euro.

Schließlich exzellente Graphiken, wie sie etwa das Graphikantiquariat Koenitz vom Markt 1 in Leipzig anbietet. Zum Beispiel die „Plantae Medicinales oder Sammlung officineller Pflanzen“ von Theodor Friedrich Ludwig Nees von Esenbeck aus dem Jahre 1833. Ein seltener Supplementband der prachtvollen botanischen Veröffentlichung über Kräuterpflanzen mit 120 kolorierten Tafeln für 2.200 Euro.

Die Antiquariatsmesse auf der Leipziger Buchmesse wird von vielen Gästen als eine Oase der Ruhe wahrgenommen. Keine Hektik, gemütliches Ambiente, entspanntes Fachsimpeln und fantasievolles Abtauchen in außergewöhnliche Welten.

Dass dem so ist, liegt auch in der Person des Veranstalters Detlef Thursch begründet. Der Rheinländer mit Lausitzer Wurzeln verbindet Organisationstalent mit Charme und Gelassenheit. So lässt sich auch bei dieser Messe erahnen, wie wunderbar regelmäßige Abstecher in die Welt des Antiquariats und eine entsprechende Schatztruhe vor Ort ausfallen können.

Holger Gemmer

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