Die Seele der Eigen + Art

Gerd Harry Lybke, genannt „Judy“, hat Kunstgeschichte geschrieben. Er selbst zählt zwar nicht zu den Ausnahmekünstlern, dafür aber entwickelt und promotet er diese Spezies höchst erfolgreich. Ein im positiven Sinne eigenartiger Mensch. Die faszinierende Geschichte seiner Galerie Eigen + Art musste deshalb zu ihrem 30. Geburtstag endlich erzählt werden – und das möglichst von einem ähnlich eigenartigen Menschen. Der wurde auch gefunden.

Glaubwürdigkeit basiert hier in hohem Maße auf Einfühlungsvermögen. Es erfordert somit eine eigene Art, will man eine eigenartige Seele tiefer ergründen. Da die 1983 in Leipzig gegründete Galerie Eigen + Art ihren Namen als Programm betrachtet und sich gerade auch durch ihre Eigenart auszeichnet, bedurfte es zunächst eines Chronisten, dessen eigene Art zu Eigen + Art passt.

Prof. Dr. Frank Zöllner, Ordinarius am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig, erklärte diese Suche deshalb zur Chefsache, denn immerhin zählt Judy Lybke zu den Persönlichkeiten, die eine Schlüsselrolle einnehmen in der über Jahrzehnte gewachsenen weltweit exzellenten Wahrnehmung Leipzigs als Kunststadt und der Erfolgsgeschichte der Neuen Leipziger Schule.

Zöllner wurde schließlich unter seinen Studierenden fündig … Herbert Lange heißt der Auserwählte und ist bereits 74 Jahre gereift.

Das Ganze mag ein wenig an den Bestseller „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson erinnern, der mittlerweile auch verfilmt wurde. Herbert Lange ist zwar deutlich jünger als der Titelheld Allan Karlsson, die Lebensgeschichte des Wahl-Leipziger und 1940 in Wien geborenen Kunsthistorikers wirkt aber ähnlich spannend – auch in der Verbindung mit Judy Lybke.

Jurist Lange kam 1991 über seinen Arbeitgeber Telekom von Dortmund nach Leipzig und ist seitdem auch mit Galerist Lübke bekannt. Mit dem Eintritt in die Altersrente startete er einen neuen ambitionierten Lebensabschnitt und erfüllte sich einen Traum, indem er sich an der Universität Leipzig einschrieb und fortan Kunstgeschichte und Germanistik studierte.

Kunstprofessor Frank Zöllner hat einen Blick für Außergewöhnliches und wurde deshalb auch bald auf diesen besonderen Studenten aufmerksam. Als es nach einigen Jahren an die Magisterarbeit ging, tat der vielfache Buchautor Zöllner etwas, was ihn auszeichnet: Er stellte eine gelungen eigenartige Verbindung her.

Das im Leipziger Universitätsverlag erschienene und passend attraktiv gestaltete Werk „ Eigen + Art. Die Geschichte der Galerie im Spiegel der Quellen“ basiert somit auf der Magisterarbeit von Herbert Lange. Wie richtig Frank Zöllner mit seiner Einschätzung und Empfehlung des Autors lag, zeigt sich bereits im Schreibstil.

Von einem Juristen, der zudem lange verbeamtet war, erwartet man eine klare und an den Fakten orientierte Sprache. Die liefert Herbert Lange auch. Er tut das zugleich in einer angenehm geschmeidigen und dennoch stets sachlichen Form, die sehr glaubwürdig zur Persönlichkeit des Autors passt. Und ebenso zum Wirken von Judy Lybke, das manche „bunte“ Elemente mit hoher geschäftlicher Seriosität verbindet.

Für eine akademische Abschlussarbeit mag das ungewöhnlich klingen – und im selben Moment förderlich und vorbildlich. Professor Zöllner, der das Vorwort für das Buch beisteuerte, spricht prompt von einem Plauderton.

Herbert Lange erzählt die Geschichte der Galerie Eigen + Art, die 1983 in der Dachgeschosswohnung von Judy Lybke am Leipziger Körnerplatz begann und heute ein weltweit erfolgreich agierendes Handelsunternehmen mit Sitz in Leipzig und Berlin ist, von den Anfängen bis zur Gegenwart auf der Grundlage vorliegender Quellen wie Presseberichten, Zeitschriftenartikeln, eigenen Beiträgen Lybkes und auch Akten der DDR-Staatssicherheit.

Das vorliegende Werk ist kein biografisches Heldenepos, sondern eine souveräne Bestandsaufnahme und Analyse. Zugleich wird in dieser Studie die Wertschätzung deutlich, die Herbert Lange mit einer angenehmen Distanz Judy Lybke entgegenbringt.

Was Lange an Lybke besonders schätzt: „Ohne selbst ein großer Künstler oder Kunstwissenschaftler zu sein, besitzt er ein ausgezeichnetes Gespür für Talente. Dazu ist er ein Marketinggenie und ein kluger Geschäftsmann, der strategisch sehr konsequent seinen Weg geht, ohne sich dabei von kurzfristigen Aspekten ablenken zu lassen.“

So paradox es klingen mag: Wer viel Geld verdienen will, darf nicht ständig ans Geldverdienen denken … Das wusste schon der legendäre Krösus.

Judy Lybke weiß es auch – wie wir durch Herbert Lange erfahren: „Er empfiehlt seinen Künstlern, sich auf ihre Kunst zu konzentrieren. So wie er sich auf seine Arbeit mit viel Hingabe konzentriert. Geld zu verdienen ist für ihn eine Pflicht, aber nicht das Ziel. Seine Künstler haben es verinnerlicht. Statt Geld geht es um Unsterblichkeit in der Kunstgeschichte. Reichlich Geld verdienen sie zudem.“

Das bedeutet in der Konsequenz auch: Ein Künstler muss kein Marketinggenie sein. Einträglicher ist es, wenn sich ein Künstlergenie auf seine Kunst konzentriert und sich parallel mit einem Marketinggenie verbindet. So wie es etwa im Fall von Neo Rauch und Judy Lybke gehandhabt wird.

Herbert Lange hat sorgfältig recherchiert: „Eigen + Art ist eine Programm-Galerie, die nicht auf eine Richtung setzt, sondern auf einen Stamm von Künstlern. Bemerkenswert ist, das fünf der 20 Künstler bereits aus den Anfangsjahren stammen. Das dokumentiert eine hohe Loyalität zwischen beiden Seiten und hat besondere Bedeutung.“

Was Herbert Lange außerdem an Judy Lybke bewundert, ist dessen Fleiß, Wagemut und Weitsicht: „Er ging damals quasi ohne Geld für mehrere Monate nach New York, weil er wusste, dass er vor Ort seine Kontakte knüpfen muss, wenn er Geschäfte machen will. Als später wahnwitzige Summen in den Kunstmarkt flossen durch einige Tausend höchst potente Investoren, die das Kerngeschäft ausmachen, gewann Judy Lübke sukzessive ein paar Hundert von ihnen, was den Marktwert seiner Schützlinge gewaltig steigerte.“

Die eigenartige Geschichte der Galerie Eigen + Art wird durch das Werk von Herbert Lange leicht verständlich nachvollziehbar. Sie liefert außerdem ein fundiertes Portrait der faszinierenden Persönlichkeit des Galeristen Judy Lybke und gibt Einblicke in die Strukturen und Hintergründe des internationalen Kunstmarktes. Eine mehrfach spannende und aufschlussreiche Lektüre.

Holger Gemmer

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