Seeleute auf großer Fahrt

Die Rolling Stones haben bereits einen gewissen Reifegrad erreicht – und rocken weiterhin die Welt. Bernd Kolf und Dr. Jürgen A. Bach sind im gleichen Alter wie Mick Jagger und Keith Richards und entern die Buchbranche. Zwei Seeleute auf großer Fahrt, die als Heimathafen passend den Leipziger Platz gewählt haben.

Die Geschichte der Verlagsgruppe Seemann Henschel präsentiert eine Story, die ganz typisch ist für die lange und große Tradition der Buchstadt Leipzig. Sie beginnt nicht zu Wasser, sondern in der Luft – mit einem der namhaftesten Pioniere des internationalen Flugzeugbaus: Claude Dornier.

Der vererbte seinem Sohn Silvius Dornier nicht nur seinen großen Geist, sondern auch andere Kompetenzen: Dornier jun., Jahrgang 1927, ist ein großer Förderer und Liebhaber von Kunst und Kultur und außerdem ein erfolgreicher Geschäftsmann mit gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein.

Die Aufbruchstimmung nach der deutschen Wiedervereinigung hat ihn zusätzlich beseelt. Mitte der 1990er Jahre integrierte er in seine Verlagsgruppe Dornier mehrere namhafte Verlage aus der Erbmasse der DDR, um ihren Glanz zu wahren und zu fördern.

Dafür holte er sich zwei erfahrene Asse an seine Seite: Bernd Kolf und Dr. Jürgen A. Bach, die sich bereits vom Ullstein Verlag her kannten und in der Buchbranche schon manches bewegt hatten.

Die beiden Könner schafften bei Dornier das, was dem Fußball-Fachmann Ralf Rangnick in ähnlicher Weise gelang, als er die TSG 1899 Hoffenheim in einem Zug von der Regionalliga in die Bundesliga führte. Eine „Wiederholung“ läuft gerade im Auftrag von Red Bull in Leipzig.

Das erhöht den Grad der Parallele sogar noch – und Rangnick folgt dabei dem Beispiel von Kolf und Bach: Sie wurden 1995 von Silvius Dornier verpflichtet, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Kulturförderer. Rangnicks Auftraggeber Dietmar Hopp (Hoffenheim) und Dietrich Mateschitz (Leipzig) verkörpern ähnliche Charaktere.

Ralf Rangnick wirkt seit 2012 in Leipzig, Jürgen A. Bach und Bernd Kolf sind schon seit 2003 vor Ort. Ob im Fußball oder im Verlagsbereich: In beiden Fällen war die Entscheidung für Leipzig eine ganz besondere. Denn dazu gehörte Weitblick, Mut, Können, Querdenken und Selbstsicherheit. Im Falle der Herren Kolf und Bach ging das sogar noch ein Stückchen weiter.

Denn: Während andere in diesem Lebensabschnitt Richtung Rente greifen, legten die „Stones der Bücherwelt“ noch mal eine neue Programm-Tour auf. Via Leipzig funktioniert das. Der Verleger Anton Philipp Reclam ist ein Beispiel dafür, denn er war 60, als er mit der Gründung seiner „Universal-Bibliothek“ so richtig durchstartete und einen ewigen Kassenschlager schuf.

Nachdem Silvius Dornier seinen 75. Geburtstag gefeiert hatte, kam er zu der Überzeugung, dass er sich mittelfristig aus dem Geschäft zurückziehen müsste. Frische Kräfte sollten übernehmen – und daraus entwickelte sich die Idee einer Umstrukturierung.

Bernd Kolf und Jürgen A. Bach gewannen eine eigene Einschätzung in der Sache und entschlossen sich zu einem spektakulären Projekt. Die großen Namen E. A. Seemann, Henschel und Edition Leipzig formten sie zu einer kleinen Flotte, holten dann noch Koehler & Amelang dazu und gingen damit am Leipziger Platz vor Anker. Der Beginn einer faszinierenden Erfolgsgeschichte.

Wie auch der Lebenslauf der beiden Männer: Bernd Kolf studierte Germanistik und Romanistik, brachte 1969 seine ersten Lyrik-Bände heraus und arbeitete dann als Kulturredakteur. Es folgte 1978 eine längere Phase als Literaturkritiker vor allem für den Norddeutschen Rundfunk, bevor er in den frühen 1980er Jahren seinen Schwerpunkt ins Verlagsmarketing und Management verlegte und für Reader’s Digest arbeitete.

Ab 1984 trug Bernd Kolf zehn Jahre maßgeblich dazu bei, dass der Falken-Verlag zu einem Marktführer unter den Ratgeber-Verlagen aufstieg. Es folgte ein Zwischenspiel bei Ullstein, dann ging es 1995 zu Dornier. Ein wortgewandter Feingeist und ein wandelndes Lexikon mit Zugriff auf alle Wissensgebiete. Das zeichnet Kolf aus. Zugleich ist er ein zupackender Pragmatiker, was möglicherweise durch seine Liebe für den Handball befördert wird.

Jürgen A. Bach kann da durchaus mithalten. Sonst würden die beiden Vordenker von Seemann Henschel kaum über all die Jahre so wirksam harmonieren. Bach startete zwar nicht wie Elvis als Trucker, aber beinahe so. Seine Eltern besaßen eine Spedition, in denen er einige Jahre arbeitete.

Das machte ihm Spaß. Was ihn aber nicht davon abhielt, Geschichte zu studieren und in diesem Fach auch promoviert zu werden. Mit 35 dann ein Schnitt. Dr. Jürgen A. Bach gab sich seiner großen Liebe hin: den Büchern.

Diese Welt wollte er von den Wurzeln an genau kennenlernen, weshalb er auch ganz von vorne begann – mit einer Lehre als Verlagsbuchhändler bei Herder. Ein Volontariat absolvierte er parallel, dann folgten zehn Jahre in verschiedenen Positionen und Bereichen bei Herder – etwa als Lektor oder auch als Leiter des Marketings.

Nach zehn Jahren wechselte Jürgen A. Bach dann 1988 als Cheflektor zum Ullstein Verlag, lernte auch da die Weiten des Hauses kennen. 1995 schließlich Dornier. Es hätte sein großes Finale sein können. Und Großes hat er bei Dornier auch geleistet, gemeinsam mit Bernd Kolf. Nur ein Finale hatten beide im Jahre 2003 noch längst nicht im Blick.

Auf den Leipziger Platz brachten sie vier Prachtstücke mit: E. A. Seemann ist einer der namhaftesten Kunstverlage und gilt als der erste, der sich auf Kunst und Kunstgeschichte spezialisierte. 1858 von Ernst Arthur Seemann (9.3.1829-5.10.1904) in Essen gegründet, folgte 1861 der Wechsel nach Leipzig. Große Namen wurden von Beginn an verlegt, zum Beispiel der Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt ab 1868.

Der Henschel Verlag wurde 1945 in Berlin von Bruno Henschel (1900-1976) gegründet mit Schwerpunkten in der darstellenden Kunst und in der Musik. Theater, Oper, Biographien großer Künstler und hierzu passende Ausbildungsliteratur bilden markante Kategorien.

Die Edition Leipzig entstand 1960 und wurde von der lebenden Verleger-Legende Elmar Faber persönlich zu einem international strahlenden Leuchtturm ausgebaut. Offiziell die längste Tradition vereint der Verlag Koehler & Amelang, dessen Aufstieg maßgeblich auf den Leipziger Verleger Friedrich Volckmar (7.7.1799-7.3.1876) bis hin zu dessen Enkeln zurückgeht.

Namensgeber sind jedoch 1789 Karl Franz I. Gottfried Koehler (1764-29.12.1833) in Leipzig und 1806 Carl Friedrich Amelang (1785-1856) in Berlin. Im Anschluss an den Zusammenschluss des Kommissions- und Großbuchhandels-Giganten Koehler & Volckmar 1918 entstand unter Einbeziehung mehrerer Teilbereiche 1925 als Konzern-Tochter der Verlag Koehler & Amelang.

Die Edition Leipzig glänzt heute mit Werken der Kunst- und Kulturgeschichte unter Berücksichtigung regionaler Aspekte, Koehler & Amelang punktet mit besonderen Publikationen im Bereich Geschichte und Kulturgeschichte.

Seemann Henschel zählt in Leipzig bereits zu den führenden Verlagen und vereint mit Dr. Jürgen A. Bach und Bernd Kolf zwei herausragende Größen der Buchbranche vor Ort. Das ist Gold wert für die wieder wachsende Buchstadt Leipzig, die zwischenzeitlich von der einstigen Weltmetropole zum verlassenen Bücherdorf abstieg. Wie es Elmar Faber formuliert.

Ernst Arthur Seemann war auch so ein höchst engagierter Gestalter. 1865 publizierte er mit der monatlich erscheinenden „Zeitschrift für bildende Kunst“ die erste deutsche Kunstzeitschrift. Er war über 20 Jahre lang Vorstandsmitglied im Kunstverein Leipzig, wirkte zudem als Stadtverordneter.

In den 1880er Jahren gehörte Seemann dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler als Schatzmeister an und war maßgeblich am Bau des 1888 eingeweihten Deutschen Buchhändlerhauses beteiligt. Ein schlossähnlicher Prachtbau am Leipziger Gutenbergplatz, auf dessen Kriegsruine 1996 das „Haus des Buches“ entstand.

In diesem fruchtbaren und zentralen Treffpunkt der Buchstadt Leipzig finden sich die Büros von Seemann Henschel. Eine gute und zugleich erstaunliche Wahl, denn direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Gerichtsweges findet sich das Seemann-Karree. Also die einstige imposante Firmenzentrale von E. A. Seemann …

Beim Blick aus einem anderen Bürofenster zeigt sich andererseits der einstige Volckmar-Palast an der Prager Straße. Später auch als LKG-Zentrale bekannt. Somit residiert Seemann Henschel heute an prominenter Stelle exakt zwischen zwei eindringlichen Zeugen der eigenen Geschichte wie auch der Buchstadt Leipzig. Schön: In der Volckmar-Ruine regt sich neues Leben. Die CG Gruppe lässt ein früheres Herzstück des deutschen Buchhandels über ein Wohnungsbauprojekt wieder glänzen.

Glanz strahlt auch Seemann Henschel aus, weil die Macher Bernd Kolf und Jürgen A. Bach mit der Zeit gehen. Deshalb hat ihre Flotte eine gemeinsame Admiralität, wenn auch jede beteiligte Marke eigene Wiedererkennungswerte besitzt.

Vieles läuft zentral und kompetent gebündelt bei Seemann Henschel. Die Auslieferung erfolgt über die LKG, deren Wurzeln ebenfalls beim einstigen Giganten Koehler & Volckmar zu finden sind und dessen Erben man bis heute verbunden ist. Den Vertrieb fördert die Kooperation ARTFOLIO, in der sich zehn Anbieter ähnlicher Programmschwerpunkte unter der Regie von Juliane Seyfarth stärken.

Seemann Henschel startete früh in diese Vertriebskooperation, gehörte quasi zu den Mitbegründern. Jürgen A. Bach spricht von positiven Erfahrungen, weil dadurch im Buchhandel manche Tür geöffnet wird, die sonst verschlossen bleiben könnte.

Die Handhabung passt zugleich zum Credo von Bernd Kolf: „Man macht eine Sache nur dann gut, wenn man sich voll auf sie konzentriert.“ Wenn das ein Pragmatiker sagt, der durch seine große Interessenvielfalt besonders auffällt, lässt das auch diesen Schluss zu: Das Viele benötigt einen gemeinsamen Nenner, der im Fokus eine Kräftebündelung erlaubt.

Das leben auch die Rolling Stones seit Jahrzehnten erfolgreich vor: Mick Jagger und Keith Richards verkörpern eigenständige Charaktere und ziehen gemeinsam an einem Strang, der sie erfolgreich macht. Das gelingt den „Stones der Bücherwelt“ in ähnlicher Manier.

Holger Gemmer

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