Eine Trutzburg des Denkens

Knapp tausend Jahre lang seit seiner Ersterwähnung durch den Merseburger Bischof Thietmar 1015 ist Leipzig ein Treffpunkt großer Geister. Ein Stapelplatz des Wissens, der zunehmend gefährdet ist. Die Sächsische Akademie der Wissenschaften (SAW) zu Leipzig macht dagegen mobil und lädt am Freitag, den 11. April, um 16 Uhr in den Festsaal des Alten Rathauses am Markt 1 ein zur öffentlichen Frühjahrssitzung. Reiner Haseloff (CDU), der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hält das Grußwort. Reizvoll – und vielleicht auch wegweisend.

Kurz nach der jüngsten Jahrtausendwende brachten die erfolgreichen Verleger-Veteranen Dr. Jürgen A. Bach und Bernd Kolf über die von ihnen neu gegründete Verlagsgruppe Seemann Henschel mehrere große Namen heim nach Leipzig und etablierten ein führendes Unternehmen vor Ort.

Sie wählten Leipzig wegen dessen riesiger Buchstadt-Tradition und manchen daraus erwachsenden Querverbindungen vor Ort. Die reichhaltig vielfältige Universitätslandschaft in Leipzig betrachten sie dabei als einen Schlüsselfaktor.

Genau der aber gerät zunehmend in Gefahr, weil die Politik in den Bereichen Bildung und Wissenschaft andere Schwerpunkte favorisiert. Sagen die Kritiker dieser Politik. Doch die spielt den Ball zurück. Die Hochschulen müssten Schwerpunkte setzen, die klar erkennen lassen, was und wohin sie wollen. Ein schwieriger Prozess – wie immer, wenn es um Entscheidungen und Verzicht geht.

Die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig rückt hier in die Rolle eines Vermittlers – und erscheint zugleich als eine Trutzburg des Denkens. Ein Hoffnungsträger vielleicht, denn hier treffen viele Disziplinen aufeinander und wird nicht nur in eine Richtung „getunnelt“. Oder ist es etwa ähnlich wie beim City-Tunnel, in dem mehrere Gleise ohne Verbindung parallel verlaufen?

Im 19. Jahrhundert stieg die bereits zuvor berühmte Universität Leipzig zur glanzvollen Weltmarke auf und strahlte als ein Leuchtturm in der internationalen Hochschullandschaft. Mit Bewunderung blickte man aus den USA nach Leipzig und sah hier ein Vorbild auch in der Hochschulfinanzierung.

Die Universität Leipzig wurde lange als ein Tummelplatz bewährter und angehender Nobelpreisträger gefeiert. Ein Status, den sie sich hart erarbeitet hat. Durch herausragende Köpfe und weitblickende Partner.

Eine wunderbare Erfolgsgeschichte ist die „Wiedergeburt“ der Handelshochschule Leipzig (HHL) als eine herausragende internationale Manager-Schmiede. Dieses Wunder basiert auf einem exzellenten Marketing. Ein höchst arbeitsintensiver und unbequemer Tätigkeitszweig, den die Universität Leipzig in der Vergangenheit eher zurückgefahren hat …

Die sprunghaft angestiegene Zahl der Studierenden und das gleichzeitige Verblassen der Wahrnehmung müssen dabei keinen Widerspruch bilden. Der schönen Worte wurden bereits viele gesprochen. Sind es aber leere Worte, denen keine Taten folgen, kann das böse Folgen haben. Ein heftig diskutiertes Thema, auch innerhalb der Universität.

Am Freitag trifft sich reichlich Prominenz aus Forschung und Lehre im Alten Rathaus auf Einladung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Vielleicht eine gute Gelegenheit, auch neues Licht ins gegenwärtige Dunkel der Hochschullandschaft zu bringen.

Zumal es ans Eingemachte geht. Im Rahmen der SAW-Frühjahrssitzung werden zwei renommierte Preise verliehen. Der Kurt-Schwabe-Preis würdigt herausragende Leistungen in Wissenschaft und Technik und für persönliches Engagement für die Natur. Der Theodor-Frings-Preis ehrt hervorragende germanistische Leistungen auf dem Gebiet der Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der interdisziplinären Forschung.

Sprach- und Literaturwissenschaft. Ohne sie wäre die Buchstadt Leipzig nicht denkbar und ohne sie würde Leipzig 2015 kaum seine tausendjährige Ersterwähnung feiern. Das hat so jedoch nicht jeder im Blick. Es gibt auch Kreise, die – vielleicht berechtigt – nach der wirtschaftlichen Relevanz der Sprach- und Literaturwissenschaft fragt, ohne diese Relevanz jedoch zu erkennen …

Möglicherweise muss man diesen Hinterfragern auf die Sprünge helfen. Die Sächsische Akademie der Wissenschaft zu Leipzig hat mit dem „Nachhilfeunterricht“ bereits begonnen. Wobei bereits deutlich wurde, dass er offenbar in Richtung sämtlicher Interessenlager führen muss. Das macht den morgigen Freitag im Alten Rathaus vielleicht zusätzlich ergiebig und spannend.

Seine Kritiker halten Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff für einen Hinterfrager der Kulturlandschaft, der seine Wissenschaftsministerin mal eben per Telefon feuert. Seine Befürworter loben, dass er sich auch selbst hinterfragen kann – und zudem Klartext spricht über das, was gut läuft, und über das, was schlecht läuft. Ministerpräsident Haseloff glaubt demnach an die Zukunft und möchte sie aktiv mitgestalten. Gerade in der aktuellen Situation ein höchst reizvoller Ehrengast zum Jahreshöhepunkt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

Holger Gemmer

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