Nach freudiger Arbeit

„Mein Name ist Hase“, grüßte einst die Kultfigur Bugs Bunny in Anspielung auf das Zitat, das augenzwinkernd die Beschäftigung mit etwas ablehnt. Es geht zurück auf den Jurastudenten Victor von Hase (3.11.1834-30.4.1860), der damit sich und einen Kommilitonen schützen wollte. Lieselotte Sievers, die Geschäftsführende Gesellschafterin des Verlages Breitkopf & Härtel, könnte bei Fragen zu den Gründen für den Leipzig-Abschied des Unternehmens auf den Bruder ihres Großvaters Oskar von Hase verweisen …

In Erklärungsnot befindet sich Lieselotte Sievers nicht. Entscheidungen müssen getroffen und dann konsequent umgesetzt werden. Erklären oder gar rechtfertigen muss man Entscheidungen jedoch nicht. Wobei eine offene Kommunikation Vorteile bieten kann.

Für Klaus von Dohnanyi ist und bleibt Leipzig eine Herzensangelegenheit. Hier hat er, wie auch sein Bruder, der Dirigent Christoph von Dohnanyi, einen Teil seiner Kindheit verbracht und im Thomanerchor gesungen.

Im persönlichen Gespräch erklärt der frühere Bundesminister und in den 1980er Jahren Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg: „In Leipzig habe ich zudem mein Lebensmotto gewonnen. Res severa verum gaudium. Die ernste Sache ist die wahre Freude. So steht es auf der Orgel im Gewandhaus – und das wäre vielleicht auch das ideale Leitmotiv für Leipzig selbst.“

Das Zitat stammt von dem römischen Staatsmann und Philosophen Seneca, der es vor knapp 2.000 Jahren in einem seiner moralischen Briefe als kleine Abhandlung „Über die wahre Freude“ erläuterte.

Wie zeitlos und fundamental Senecas Erkenntnis ist, lässt sich regelmäßig etwa beim Fußball beobachten – wenn Torschützen nach einem Treffer leidenschaftlich jubeln, obwohl sie damit eine Verwarnung riskieren. Sie haben jedoch ihr Können wirksam umgesetzt und müssen nun nahezu zwangsläufig ihrer Freude darüber freien Lauf lassen …

Klaus von Dohnanyi, dieser innovativ denkende Vermittler zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, unterstreicht mit seinem Hinweis aber auch seine Sympathie mit langen Traditionslinien und ebenso seine Verbundenheit mit dem „Breitkopf & Härtel“-Clan. Warum das? Er zählt zu dessen Mitgliedern.

Über seine Mutter Christine, geborene Bonhoeffer, ist er ein Enkel von Paula von Hase (1876-1951) – einer Nichte von Oskar von Hase (1846-1921) und Urenkelin von Gottfried Christoph Härtel (1763-1827).

Irgendwie scheinen sie alle miteinander verwandt und eng verflochten: die Bonhoeffers, Dohnanyis, Delbrücks, Hases und auch Harnacks. Und drei Jahrhunderte bilden schließen auch einen imposanten Rahmen.

Die lange Erfolgsgeschichte von Breitkopf & Härtel beginnt 1719 in Leipzig. Geschrieben wird sie im 18. Jahrhundert vor allem von Bernhard Christoph Breitkopf (2.3.1695-26.3.1777), der in die seit 200 Jahren im Buchgewerbe tätige Drucker-Familie Müller einheiratet, und seinem Sohn Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (23.11.1719-28.1.1794).

1795 steigt dann maßgeblich Gottfried Christoph Härtel (27.1.1763-25.7.1827) ein. Auf ihn folgen überaus bedeutsam erst seine Söhne Hermann Härtel (1803-1875) und Raymond Härtel (1810-1880) und dann 1880 ebenso erfolgreich seine Enkel Oskar von Hase und Wilhelm Volkmann.

Auf sie folgten gemeinsam die Söhne Hellmuth von Hase (30.1.1891-18.10.1979), Martin von Hase (6.12.1901-15.10.1971) und Ludwig Volkmann 9.1.1870-10.2.1947). Sie sind Teil einer herausragenden Geschichte voller Superlative. Begonnen mit der engen Verbindung der Gründerväter Breitkopf mit der Familie Bach.

Später wäre dann ohne Breitkopf & Härtel die Aufbereitung und Pflege des Mozart-Erbes über das Köchel-Verzeichnis nicht vorstellbar, zu dessen maßgeblichen Gestaltern Gerd Sievers (1915-19.3.1999) zählte, der Ehemann von Lieselotte Sievers.

Ähnlich gigantisch die seit 1997 publizierte Mendelssohn-Gesamtausgabe in Zusammenarbeit mit der 1992 an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig neu begonnenen und auf rund 200 Bände angelegten „Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy“. Und das alles ist nur die Spitze eines Eisberges …

Lieselotte Sievers, die Enkelin von Oskar von Hase, führt bereits seit einem halben Jahrhundert „Breitkopf & Härtel“. Ob ihr Großvater mit dem Abschied des Unternehmens aus Leipzig einverstanden wäre? Die Verleger-legende Oskar von Hase zählt zu den Stützsäulen der historischen Buchstadt Leipzig und prägte hier zudem maßgeblich den Börsenverein der Deutschen Buchhändler.

Auf dem Leipziger Südfriedhof ließ er eine imposante Familiengrabstätte erreichten. Eine Nachbildung des Nike-Tempels auf der Akropolis in Athen, als Anspielung auf eine Idee des geliebten Vaters in Jena.

Diese Gedenkstätte ist überschrieben mit den letzten Worten, die Oskar von Hase in sein Testament schrieb, und die zudem viel über seine Einstellung zum Leben und Wirken aussagen: Nach freudiger Arbeit. Das führt uns zurück zu Klaus von Dohnanyi und Seneca. Res severa verum gaudium. – Die ernste Sache ist die wahre Freude. Klingt wesensverwandt – und lässt auch vertiefend in die Grundlagen von Erfolgsgeschichten blicken …

Nach freudiger Arbeit also sagt Breitkopf & Härtel nun servus – und Leipzig winkt leise und traurig zum Abschied. Vielfältige Erinnerungen werden bleiben. Auf beiden Seiten. Und für die Menschen überall auf der Welt bilden Leipzig und Breitkopf & Härtel ohnehin eine ewige Verbindung. Auch wenn auf dem Briefkopf künftig nicht mehr „Wiesbaden – Leipzig – Paris“ zu lesen ist, weil der Ausgangs- und Mittelpunkt wegfällt.

Holger Gemmer

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