Spannend wie ein Roman

Leipzig hat 2015 reichlich Grund zum Feiern: 1.000 Jahre Ersterwähnung vorneweg, dazu 850 Jahre Stadtrechte wie auch ebenso lange „Mutter aller Messen“ und Weihe der Nikolaikirche – in der 1989 der weltweite „Wind of Change“ angeblasen wurde und die deshalb eine besondere Rolle anlässlich der am 3. Oktober „25 Jahre Deutsche Einheit“ spielt.

Passend zu solchen Jubiläen fiel auf den 4. Juli der 300. Geburtstag von Christian Fürchtegott Gellert. Ein begnadeter und einst höchst populärer Wegweiser, der gerade in der Atemlosigkeit der Moderne als Ideal für ein deutliches Plus an Lebensqualität stehen könnte. Die Erfolgsautorin Susan Hastings hat dem einen eindringlichen Band in der „Episoden“-Reihe des Tauchaer Verlages gewidmet.

Christian Fürchtegott Gellert (4.7.1715-13.12.1769) war der Superstar unter den deutschen Schriftstellern Mitte des 18. Jahrhunderts. International umjubelt, vom Volk geliebt und von den Reichen und Mächtigen, denen er kritisch den Spiegel vorhielt, als Idol verehrt. Auch Goethe huldigte mit Hingabe seinem Poetik-Professor an der Universität Leipzig. Was er später offenbar vergaß …

Als der gefeierte Literat und Moralphilosoph starb, löste das eine Massenhysterie aus. Der Leipziger Johannis-Friedhof wurde von Verehrern und noch mehr von Verehrerinnen gestürmt und das Grab beinahe abgetragen von Andenkensammlern, sodass es besonders gesichert werden musste.

In den folgenden Jahrzehnten wurde es dann zunehmend ruhiger um Christian Fürchtegott Gellert. Bis er schließlich – nach einem Zwischenhoch um 1900 – weitgehend vergessen war, auch weil stürmische Zeiten anbrachen: Ausgelöst etwa durch die Französische Revolution, den Aufstieg und Fall Napoleons, die Epoche des Sturm und Drang sowie die folgenden Auseinandersetzungen zwischen Klassikern und Romantikern. Später drastisch vertieft etwa durch die Industrielle Revolution, bis hin zu den dramatischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert.

Vielleicht gerade deshalb, auf einem Höhepunkt dieser Entwicklungen, wird zu seinem 300. Geburtstag wieder verstärkt an Christian Fürchtegott Gellert erinnert. Denn die von ihm vorgelebten moralischen Überzeugungen erscheinen mehr denn je als geeignete Gegen- und Heilmittel für die wachsende Oberflächlichkeit und Hast der Zeit, die damit verbundene steigende Atemlosigkeit der Menschen und die zunehmende Kurzlebigkeit grundlegender Werte.

Auch das vermittelt eindrucksvoll das jüngste Werk der erfolgreichen Autorin Susan Hastings. Auf knapp 100 Seiten bieten die „Episoden um Christian Fürchtegott Gellert“ eine gute Einführung in das Leben und Weg einer herausragenden Persönlichkeit der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte. Ein fachlich fundiertes Sachbuch, das sich spannend wie ein Roman liest.

Susan Hastings wurde 2012 mit dem Gellert-Preis ausgezeichnet für ihr erzählerisches Können, historische Ereignisse, Zusammenhänge und Biographien in packenden Geschichten zu vermitteln.

Das vorliegende Werk erinnert an Dokumentar-Spielfilme, die historische Aufbereitungen mit Interviews und Spielszenen verbinden. Dafür hat Susan Hastings sorgfältig recherchiert und viel Aufmerksamkeit Briefwechseln gewidmet. Auf diese Weise kommt Gellert wiederholt quasi selbst zu Wort und ebenso seine Zeitgenossen.

Hier wird das Leipzig und das Leben Mitte des 18. Jahrhunderts greifbar. Nicht zuletzt also auch jene Zeit, in der der junge Goethe 1765 bis 1768 zum Studium in Leipzig weilte und wesentliche Grundlagen für sein erfolgreiches Wirken legte.

Persönlichkeiten werden lebendig, treffen zusammen und sehen sich mit den Ereignissen der Zeit konfrontiert. Die damit verbundenen Episoden bestimmen den Inhalt des Buches. Wer sich erstmals näher mit Christian Fürchtegott Gellert beschäftigt, findet hier einen geeigneten Einstieg.

Genau das ist das Anliegen der kulturgeschichtlichen „Episoden“-Reihe des Tauchaer Verlages. Kurzweilig und zugleich fachlich fundiert werden erste Einblicke in bekannte und oft weniger bekannte Episoden gegeben, die im Schwerpunkt in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin-Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt sind.

Holger Gemmer

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