Neuanfang mit kleiner Panne

Die Leipziger Stadtbibliothek nach drei Jahren im neuen Haus. Dessen aufwändige Sanierung kostete etwa 15 Millionen Euro. War das Ergebnis diese Investition wert? Schon eine oberflächliche Bilanz nach kurzer Zeit führt zu einer positiven Antwort. Eine altehrwürdige Kultureinrichtung wird von einem aktuellen Standpunkt aus betrachtet. Ihre in der Vergangenheit mehrfach erforderliche Wiederbelebung macht vergleichende Einblicke in Tradition und Moderne unabdingbar. Auftakt einer Serie.

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Schmuckstück: Leipziger Stadtbibliothek. Foto: Torsten Hanke

Unter den Leipzigern hat sich ein Lapsus schon immer rasch herumgesprochen. Also auch die kleine Panne am Eingangsportal des Gebäudes Wilhelm-Leuschner-Platz 10 und 11. Dort startete bekanntlich Ende Oktober 2012 die glanzvolle Wiedereröffnung der Stadtbibliothek im schon seit Anfang 1991 von ihr genutzten, nun aber hervorragend sanierten Haus. Nach zweieinhalb Jahren in der Übergangsunterkunft des Städtischen Kaufhauses war das ein symbolischer Akt der Befreiung, sogar des Glücks.

Verständlich also die Ungeduld der Mitarbeiter, ihrer Ehrengäste, der Nutzer und Zuschauer, die Wind und Kälte im Vorraum schon zu einer dichten Masse zusammengeschweißt hatten – um sich auf das fröhliche Kommando von Oberbürgermeister Burkhard Jung hin schlagartig in die weitläufigen Innenräume verstreuen zu können.

Aber auf das Stichwort des ersten Mannes der Stadt reagierte die Elektronik fehl. Stur, wie sie nun mal ist, hielt sie das Portal geschlossen. Der „Sesam“ öffnete sich nicht, am allerwenigsten schlagartig.

Gottlob nur für eine Weile. Alles klappte dann noch richtig. Abgesehen vom Schweiß, den der etwas verzögernde Vorgang die Organisatoren der Veranstaltung gekostet haben dürfte, könnte man daraus sogar weise Sprüche ableiten – beispielsweise diesen: Was lange währt, wird gut.

Denn es wurde gut. Schon heute, knapp drei Jahre später, registriert die Stadtbibliothek Leipzig einen enormen Zuwachs an Besuchern; allein 2014 betraten die neugestalteten Räume weit mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder.

Darüber hinaus nahm im selben Zeitraum die Zahl der Nutzer der Online-Angebote zu, was gleichbedeutend ist mit insgesamt fast drei Millionen virtueller Besuche der Bestände. Die Zahl der Entleihungen stieg im Vergleich mit der des Vorjahres um fast 200 000 Medien auf 4 694 758.

Angesichts dieses Fazits sollte man nicht glauben, dass die liebe alte Leipziger Stadtbibliothek, deren Tradition über Jahrhunderte gewachsen ist, zuvor schon viel Schlimmes zu erdulden gehabt hatte – auch Obdachlosigkeit, auch Tod.

Selbst noch lange nach der politischen Wende mussten die Einheimischen um das Weiterleben eines ihrer wichtigsten Kultureinrichtungen bangen, so dass sich kein Geringerer als der Schriftsteller Erich Loest zu einem deutlichen Machtwort verpflichtet sah.

Passiert ist der Stadtbibliothek weiß Gott schon so viel Beängstigendes, dass die Panne vom Oktober 2012 wie eine kabarettistische Einlage anmutet. Über die ja am Ende gelacht werden darf.
So gilt das neue Domizil durchaus als Zeichen eines lange herbeigesehnten kulturellen Aufschwungs.

Die Grundlage dafür wurde genau genommen schon 1987 geschaffen, als der damalige Rat der Stadt beschloss, der Stadtbibliothek das Gebäude des alten Grassimuseums zur Verfügung zu stellen. Nach vertraglicher Einigung mit dem Kombinat Chemieanlagenbau, das darin sein Konstruktions- und Ingenieurbüro untergebracht hatte, konnte diese Entscheidung in ihrer Gesamtheit Ende 1990 verwirklicht werden.

Soviel Platz für Menschen und Bücher wie ab diesem Zeitpunkt hatte die Stadtbibliothek zuvor seit fast 70 Jahren nicht mehr gehabt. Denn der 4. Dezember 1943, als angloamerikanische Bomben ihr Stammhaus im Gewandgässchen zerstörten, war der Beginn ihres Nomadendaseins gewesen, das sie von einem zu engen Quartier ins andere trieb.

Nach einer solchen Odyssee nun die Ankunft in diesem vergleichsweise riesigen Gebäude, das der Besonderheit seiner neuen Bewohner zudem mit einer angemessen großen eigenen Geschichte gerecht wird.

Das alte Grassimuseum war so einst nach dessen Stifter benannt worden, der den Bau mit seiner Hinterlassenschaft von 2,3 Millionen Mark (heute etwa 20 Millionen Euro) ermöglichte. Ab 1896, dem Jahr der Einweihung, beherbergte es das Völkerkunde- und das Kunstgewerbemuseum – bis es zwischen 1925 und 1929 seine neue Funktion als Textilmessehaus erhielt.

Allerdings fiel dieser Standort des internationalen Handels am damaligen Königsplatz Jahre später demselben Luftangriff zum Opfer, der die Stadtbibliothek obdachlos machte. Das Gebäude blieb bis 1952 als Ruine stehen, um ein Jahr später, nach seiner unvollkommenen Wiederherstellung, dem genannten Konstruktions- und Ingenieurbüro eine Bleibe zu bieten.

Heute, nach seiner eher perfekten Erneuerung, ist es praktikabler und komfortabler als es je war. Dennoch kommt es seiner im 19. Jahrhundert verliehenen und fast verloren gegangenen architektonischen Schönheit wieder nah.

Denn auch den Gestaltern der Jetztzeit galt ein großer Name als verpflichtend, der seines Erbauers Hugo Licht, der in Leipzig Stadtbaudirektor gewesen ist und als Architekt etliche markante Bauwerke schuf, darunter das Neue Rathaus, das Stadthaus und die Gebäude des Städtischen Schlachthofs.

Das alte Grassimuseum wurde in den Jahren von 1893 bis 1895 errichtet. Die feierliche Eröffnung, die Oberbürgermeister Dr. Otto Georgi vornahm, fand am 5. Februar 1896 statt.

Die Zeichen des damaligen künstlerischen Geschmacks haben die Sanierer vor allem auf die nach Norden gerichtete Hauptfassade zurückgeholt. Das ausdrucksstarke Gleichmaß, das Hugo Licht dem Stil der italienischen Spätrenaissance entnommen hatte, fällt damit sofort ins Auge – insbesondere durch sich über zwei Obergeschosse erstreckende und in gleichmäßigen Abständen angeordnete zwölf Säulen.

Acht davon tragen an ihrem Fuß jeweils ein Relief in Form einer männlichen oder weiblichen Figur. Jede derselben erinnert ganz individuell an die ursprüngliche Bestimmung des alten Grassimuseums, das mit den Kunstwerken „ Australierin“, „Indianer“, „Chinese“ und „Afrikanerin“ vier Erdteile sowie mit „Textilkunst“, „Glasmalerei“, „Keramik“ und „Goldschmiedekunst“ vier kunstgewerbliche Techniken verkörpern wollte. Die Einzelplastik über dem Hauptportal stellt den Kopf der Lipsia dar.

Anzunehmen ist, dass die Panne bei der Neueröffnung Ende Oktober 2012 die im Freien wartenden Besucher nicht vertrieben hat, denn zu sehen gab es für sie schon von außen allerhand. Dabei stand ihnen das ganz große Staunen noch bevor – über die Schönheit und Funktionstüchtigkeit der Räume, das umfangreiche kulturelle Programm, die Großzügigkeit gegenüber dem Publikum bezüglich seiner Inanspruchnahme der Angebote und der niedrigen Preise.

Die heutige Leipziger Stadtbibliothek bietet zu viel Beachtenswertes, als dass es hier nur einfach genannt werden sollte. Deshalb stellt dieser Beitrag lediglich einen schlichten Auftakt dar – für eine schrittweise Führung durch ein neues kulturelles Konzept, das sich bereits bewährt hat.

Traude Engelmann

 

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