Merkel fast eine Heilige

In den letzten Wochen und Monaten strömten Tausende Flüchtlinge nach Leipzig. Ein Bild, das sich zeitgleich überall in Deutschland bietet und das eng mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verknüpft ist. Sie wird deshalb von vielen Menschen in der arabischen Welt fast als eine Heilige verehrt, was seinen Ursprung in einer alten Überlieferung um den Propheten Mohammed hat.

Demnach empfahl der Prophet gläubigen Muslimen in einer Zeit großer Not, nach Afrika zu flüchten. Konkret nach Äthiopien, also quasi in die Wiege der Menschheit, weil dort ein starker christlicher König herrschte, der Menschen unabhängig von ihrer Religion Asyl gewährte.

Ungläubige hätten zwischenzeitlich zwar versucht, diesen König mit großen Reichtümern zu beeinflussen, damit er die Flüchtlinge abweist oder sogar tötet, doch er habe sich dadurch nicht beirren lassen, sondern hielt an seinen Angeboten und Versprechen fest. So dass es am Ende für die Flüchtlinge wie auch für sein Land gut wurde.

Viele Menschen in der arabischen Welt erinnern und diskutieren aktuell diese bald anderthalbtausend Jahre alte Überlieferung: Und sie verbinden sie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und verehren sie dafür fast als eine Heilige.

Die Menschen wissen zwar, dass Angela Merkel keine Königin ist und Deutschland eine Demokratie, in der eine Einzelperson nicht so einfach bestimmen kann. Andererseits: Queen Elizabeth II. ist eine Königin, hat aber nicht so viel Macht wie Kanzlerin Merkel. Sagen die Leute.

Und ohne genau zu wissen warum, sind viele Menschen in den aktuellen Diskussionen davon überzeugt, dass Angela Merkel es irgendwie gelungen ist, ein Machtwort zu sprechen, dem sich nun alle beugen.

Nach Auffassung vieler Muslime ist Bundeskanzlerin Angela Merkel – deren intellektuelle Grundlage und analystische Kompetenz an der Universität Leipzig geformt wurde – eine starke Frau, der Respekt und Ehre gebührt. Eine Frau mit einem großen Herzen zudem, und eine sehr schlaue Frau zugleich. Denn: Die Flüchtlinge aus Syrien etwa werden wiederholt als mehrheitlich gut ausgebildet und fleißig beschrieben.

15 Prozent hätten Abitur oder sogar einen akademischen Abschluss. Mehr als ein Drittel sind erfahrene Fachkräfte. Die meisten von ihnen jung zudem. Dass diese Menschen vor einem Tyrannen ihrer Heimat entfliehen, sei eine Katastrophe für Syrien – und ein Gewinn für Deutschland. Heißt es immer wieder in den Diskussionen, die unterschiedliche Landsleute aus der arabischen Welt miteinander führen.

Die Menschen ahnen zumindest aber auch, dass selbst eine starke Wirtschaftsmacht wie Deutschland nicht unbegrenzte Kapazitäten besitzt … Der populäre Freiburger Fußball-Trainer Christian Streich vom SC Freiburg erklärte dazu in einer emotionalen und in den Massenmedien vielzitierten Ansprache, dass er wahrscheinlich verrückt würde, wenn er über Monate in einem Auffanglager zur Tatenlosigkeit verurteilt wäre statt sofort tatkräftig anpacken zu können.

Tausende von Flüchtlingen denken offenbar ähnlich. Und genau an diesem Punkt setzen auch viele Kritiker an. Etwa aus den Reihen der unzähligen und oft ehrenamtlichen Helfer. Die Flüchtlinge haben ihr Mitgefühl. Der wachsende Unmut von Helferinnen und Helfern richtet sich vor allem gegen Politik und Verwaltung, die in Aktionismus verfallen statt in geordneten Bahnen zu agieren.

Dass aktuell eine Ausnahmesituation herrscht, ist ihnen allen klar. Was solche Helfenden sich wünschen und nun auch verstärkt fordern, ist eine klare und umsetzbare Strategie. Sie tun das bislang ohne Wut und Enttäuschung. Dass sie mit ihrem riesigen Engagement kaum umsetzen können, was eine zu oft weltfremde Politik aus einem Elfenbeinturm heraus fantasiert, wird ihnen zunehmend bewusst.

St. Angela kann und muss das nicht allein lösen … Das ist auch den Flüchtlingen und den Fluchtwilligen in ihren Diskussionsrunden klar. Warum sie Angela Merkel trotzdem mehrheitlich verehren? Weil die Bundeskanzlerin gegen alle strukturellen Voraussetzungen wirksam Tatkraft bewiesen hat. Und dabei nicht als Heilige, sondern als Mensch aufgetreten ist.

Holger Gemmer

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