Noch nicht John Wayne

Leipzig hat eine riesige Tradition als Musikstadt, als Messestadt, als Buchstadt und als Universitätsstadt. Das Selbstverständnis seiner Einwohner lautete in mittlerweile 1.000 Jahren stets: OBEN! Leipzig zählt zu den Wiegen des deutschen Fußballs und die Menschen in der Region sehnen sich auch hier nach einer Rückkehr auf die ganz große Bühne. Die Entwicklung von RB Leipzig versetzt sie in Euphorie und lässt sie hoffen. Zugleich müssen sie erkennen, dass gut Ding Weile braucht. Eine schwierige Übung …

Der bei RB Leipzig sportlich verantwortliche Ralf Rangnick hat bereits wiederholt bewiesen, dass er Außergewöhnliches entwickeln und im großen Fußball erreichen kann. Seit seinem Amtsantritt vor Ort hat RB Leipzig eine rasante Entwicklung genommen und lässt sich als emotionale Erfolgsgeschichte erzählen.

Was aber wäre eine Erfolgsgeschichte ohne Rückschläge und unerwartete Herausforderungen, denen man sich beherzt stellen kann? So wie es aktuell aussieht, hat Sportdirektor und Cheftrainer Rangnick genau dieses Gewürz in sein Konzept eingerührt, denn die RB-„Young Guns“ schießen noch nicht mit der Geschmeidigkeit eines John Wayne (1907-1979) treffsicher aus der Hüfte.

Zum Vergleich: Der vielleicht größte Western-Held aller Zeiten begann seine herausragende Filmkarriere zwar ebenfalls mit Anfang 20 und stieg zu einem der einflussreichsten und bestbezahlen Stars in Hollywood auf, dem Kinoklassiker im mehrfachen Dutzend-Pack gelangen. Den begehrten Oscar bekam er letztlich aber für einen Streifen, der fast schon zu seinem Spätwerk zu rechnen ist. Und just in seinem letzten Werk, „The Shootist“ von 1976, spielt er einen gealterten Scharfschützen und Revolver-Held, dem der ehrgeizige Nachwuchs kaum das Wasser reichen kann.

Was das mit RB Leipzig und seinen „Young Guns“ um Mittelstürmer Davie Selke zu tun hat? Viel, denn Erfahrung und perfekt eingeübtes Zusammenspiel ist durch nichts zu ersetzen …

Thomas Berthold, Fußball-Weltmeister von 1990, erklärte jüngst in seiner Kolumne im „kicker“-Sportmagazin: „Das beste Pressing aller Zeiten spielte der AC Mailand. Die Italiener brauchten Jahre, um es zur Perfektion zu bringen – mit dem damals besten Kader der Welt.“

Jupp Heynckes, der als Spieler und Trainer zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Persönlichkeiten in der Geschichte des deutschen Fußballs zählt, ergänzte diese Feststellung in einem Interview im aktuellen „kicker“-Sonderheft zu Europas Top-Ligen.

Auf die Frage, warum RB Salzburg gleich achtmal in der Qualifikation zur Champions League scheiterte, antwortete er: „Weil sie zu schnell zu viel wollten. Es kamen viele Neue, doch die Mannschaft konnte nicht zusammenwachsen.“

Ausgerechnet der zigfache Eishockey-Meistermacher Hans Zach, der wegen seiner riesigen Leidenschaft als „Alpenvulkan“ bezeichnet wurde, nannte als unverzichtbare Grundlage: „Geduld. Eine der wichtigsten Tugenden auf dem Weg zum Erfolg. In unserer schnellebigen Zeit verkümmert sie mehr und mehr. Geduld entscheidet über Sieg und Niederlage.“

Ralf Rangnick hat ein überaus talentiertes Team zusammengestellt. Das lässt sich Woche für Woche deutlich erkennen. Eine höchst junge Truppe zugleich, die in weiten Teilen neu formiert wurde. In der sämtliche Leistungsträger bislang wenig Erfahrung mit extremen Drucksituationen haben, weil sie diese mit Anfang 20 gar nicht aufweisen können.

RB Leipzig befindet sich jedoch in einer extremen Drucksituation, weil alle und jeder im ganzen Land den Aufstieg ins Oberhaus als Pflichtaufgabe betrachten – und jeder Gegner die Partien gegen RB als Spiel des Jahres betrachtet und dann wie ein Pokalspiel angeht.

Leipziger Siege werden als normal abgetan, nicht genutzte Gelegenheiten als Schmach und Schande gewertet. So wird der Kampf um den Erstliga-Aufstieg nahezu eine „Mission Impossible“. Das kann im Grunde kaum gutgehen …

Gerade junge Akteure brauchen eine gewisse Leichtigkeit als Rahmen, um sich dann bei einem guten Lauf in eine Euphorie zu steigern. Eine Leichtigkeit, die den „RB-“Young Guns“ zumindest von außen verweigert wird. Und weil ihnen die Erfahrung eines John Wayne fehlt, besitzen sie noch nicht die Abgeklärtheit dieses herausragenden Shootisten und treffen deshalb zu selten ins Ziel.

Immerhin weiß Ralf Rangnick um dieses Problem – und versucht, Druck herauszunehmen. Im aktuellen Donnerstag-„kicker“ erklärte er, was er schon vor Saisonbeginn anmerkte, ohne dass es ihm jemand glauben mag: „Der Aufstieg ist für uns nicht Pflicht in diesem Jahr“.

Geduld bleibt das große Zauberwort. Es ist gegenwärtig nicht davon auszugehen, dass RB Leipzig in dieser Saison den Aufstieg in die 1. Bundesliga schafft. Das käme aus heutiger Sicht fast einem Wunder gleich …

Vielleicht gibt es aber noch ein bisschen Hoffnung: Die 2. Bundesliga ist höchst ausgeglichen besetzt und überrascht ständig mit beinahe irren Ergebnissen. Als Aufstiegsanwärter gehandelte Clubs wie Karlsruhe, Paderborn und Düsseldorf kämpfen plötzlich um den Klassenerhalt, dafür trumpfen Bochum und Sandhausen mächtig auf und Neuling Bielefeld scheint unschlagbar.

Sollte RB Leipzig bis Weihnachten mit maximal sechs, sieben Punkten Rückstand auf die Aufstiegsplätze Kontakt zur Spitze halten und bis Februar zu einem funktionierenden Kollektiv reifen, dann lässt sich im Endspurt 2016 vielleicht doch noch etwas bewegen. Es wäre alles andere als selbstverständlich – und stellt alle Beteiligten zugleich auf eine harte Geduldsprobe.

John Wayne musste lange auf seinen Oscar warten. Er bewies Geduld und hatte Erfolg. Mal sehen, wie cool sich die RB-“Young Guns“ verhalten. Und ebenso das euphorische Leipziger Publikum, dass über Jahrzehnte ausgehungert und mit großer Sehnsucht nach der großen Fußball-Bühne schaut. Leipzig zählte lange zu Deutschlands führenden Sportstädten. Ein Status, der hierzulande ohne Fußball-Erstligisten nicht zu halten ist …

Holger Gemmer

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