Mörderische Weihnachtspralinen

Andreas M.Sturm ist ein Mensch, der zur Perfektion neigt. Dieser Vorzug verleiht seinen Büchern, die er als Autor von Kriminalromanen und Kriminalkurzgeschichten vorlegt, fast wissenschaftliches Niveau. Wer erfahren möchte, wie man wen wann und wo am günstigsten um die Ecke bringen kann, schlage bei ihm nach. Sturm klappt immer. Als besonders praktikabel scheint die zusammen mit 15 seiner schreibenden Spießgesellen ausgeheckte und von ihm auch herausgegebene Anthologie „Weihnachtsmorde“ zu gelten. Weshalb sonst sollten bereits vor deren Erscheinen im Leipziger fhl Verlag dort so viele Vorbestellungen eingegangen sein?

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Andreas M. Sturm an einem Tatort

„Hallo, Herr Sturm, einen Moment bitte“, verstelle ich meinem Gesprächspartner in spé kühn den Weg. „Mein Name ist Doris Dittrich. Ich brauche ein Geschenk für Tante Charlotte. Weihnachten feiert sie immer im Kreis meiner Familie. Und da sie gern Bücher liest und ohne Krimi nie ins Bett will, beabsichtige ich, ihrer Sesshaftigkeit zuvorzukommen. Die Kurzgeschichtensammlung ‚Weihnachtsmorde‘ böte ihr den richtigen Anlass zum Rückzug. Und wenn das Buch auch noch Ihre Signatur aufweisen würde, dann könnte nichts schiefgehen am Heiligabend .“

„Ich bin Ihnen beim Beseitigen Ihres Gastes gern behilflich, meine Dame“, sagt Andreas M. Sturm grinsend, „sobald das Buch auf dem Markt ist. Also Anfang November. Ein Vorabexemplar habe auch ich nicht zur Verfügung, leider.“

Er grüßt und will weitergehen. Aber bei mir sind noch viele Fragen offen. Und da wir uns im Leipziger Haus des Buches begegnet sind, kann ich Andreas M. Sturm leicht ins Literaturcafé locken. Kein Autor ist ohne Schwäche für VerehrerInnen.

„Drei Kriminalromane kommen auf Ihr Konto als Texter“, zeige ich mich informiert, „und drei Anthologien unter Ihrer Herausgeberschaft waren es vor den „Weihnachtsmorden“ auch schon. Wenn ich auf Ihren Fleiß zu sprechen komme, veranlasst mich dazu vor allem die Vielfalt an mörderischen Ideen, die ich dahinter vermute. Oder sind Sie vielleicht Spezialist ausschließlich für Hängen und Würgen?“

„Das hat es zwar auch schon gegeben“, stellt Sturm nachdenklich fest, „aber ich wiederhole mich ungern – wo doch das kriminelle Milieu so viele interessante Möglichkeiten bietet. Nein, jedes Kapitalverbrechen, über das ich schreibe, unterscheidet sich vom anderen gründlich.“

„Was führt denn in Ihren Werken so alles zum Tod?“ Vielleicht kann ich noch dazulernen.

„Beispielsweise der Schraubenzieher im Nackenwirbel. Oder diverse Foltermethoden. Das Durchschneiden der Kehle. Entzug von Flüssigkeit im Verlies. Abhacken von Extremitäten. Und so weiter und so fort.“

„Bei den ‚Weihnachtsmorden‘ dürfte die Vielfalt der bösen Taten erst recht nicht gering sein. Das lässt die Mitwirkung so zahlreicher Autoren am gruseligen Werk zumindest vermuten.“

„Stimmt. Beispielsweise geht der Mörder als Weihnachtsmann verkleidet auf Jagd nach Opfern. Dem wohlschmeckenden Glühwein wird Gift beigemischt. Der Profikiller erledigt Aufträge laut Wunschliste. Ein entlassener Triebtäter plant eine Wellness-Oase mit Messermassage.“

„Ich verstehe. Im Umfeld unserer geheiligten Symbole wie Weihnachtsmann, Christkind und Rentier Rudolf kann es auch teuflisch zugehen. Das will das Buch seinen Lesern wohl sagen. Aber gleich so verbrecherisch? Die Idee – wer hatte die eigentlich? – scheint mir ein wenig übertrieben zu sein.“

„Nicht mehr als es andere Krimi-Ideen möglicherweise auch sein können. Die Weihnachtszeit als Hintergrund von Verbrechen zu wählen, ist sogar ziemlich wirklichkeitsnah. Nachweisbar hat die Zunft der Diebe, Betrüger und Mörder dann Hochkonjunktur, und die Liebe wird zum ihr besonders verpflichteten Fest oft von ganz anderen Gefühlen verdrängt. Was das betrifft, waren sich Verleger und Herausgeber vor Verwirklichung des Projekts einig.“

„Andreas M. Sturm, Sie sind bekannt dafür, dass Sie akribisch recherchieren. Beispielsweise setzen Sie sich selbst in das Boot, dessen Tempo Sie ermitteln müssen, wenn es unter einer bestimmten Brücke für so und so viele Sekunden verschwinden soll. Und was ist mit der Berechnung eines Schusswinkels? Nehmen Sie die Waffe selbst in die Hand? Wie weit mussten Sie in Vorbereitung Ihrer gegenwärtig jüngsten Anthologie eigentlich noch gehen?“

„Darüber möchte ich mich nicht äußern.“

„Ach, mir können Sie es doch sagen. Ich schweige wie ein Grab. Wenn ich vom Titelbild ausgehe, müssten Sie an zumindest einem Weihnachtsmann ausprobiert haben, wie die dazu passende Geschichte Schritt für Schritt weitergeht – erst mit dem Mord, dann mit dem Entsorgen des Opfers, dann mit der Beseitigung der Spuren. Da muss doch viel Blut zusammengekommen sein.“

„Lassen wir das lieber, mir wird übel. Der Griff in die Realität wäre mir hier zu schmuddelig. Der abgebildete Weihnachtsmann lebt noch, ich schwöre es. Hier verkörpert er das Humorvolle einiger Geschichten.“

„Einiger? Das deutet auf Ernstes und Heiteres zugleich hin. Gute Mischung. Wem, außer Tante Charlotte, sollte ich das Buch noch empfehlen?“

„Mann und Frau, Alt und Jung. Dabei ist für jeden etwas, Abwechslung also garantiert – durch lustiges und tragisches Geschehen sowie aufgrund der unterschiedlichen Schreibstile der Autoren, die die Handlungsabläufe mit überraschenden Wendungen versehen. Apropos Wendungen, ich muss gehen. Wie wäre es am 10. November zur selben Stunde an dieser Stelle?“

„Gern. In der Hand die ‚Weihnachtsmorde‘. Irgendwie habe ich jetzt selbst große Lust darauf.“

„Das kenne ich“, bemerkt mein Gesprächspartner, erhebt sich und gibt mir die Hand. Dabei ergänzt er seine Rede: „Eine Rezensentin hat einmal eine Krimi-Anthologie mit einer Schachtel Pralinen verglichen. Darin könne jede Naschkatze ihren besonderen Kick in einer von vielen Füllungen finden. Sie muss nur alle ausprobieren.“

„Danke“, rufe ich Andreas M. Sturm nach und denke erwartungsvoll an Weihnachten.

weihnachstmorde[1]

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Der durstige Pegasus“ stellt Autorin Anne Mehlhorn am Montag, den 7. Dezember, um 20 Uhr in der Leipziger Moritzbastei (Schwalbennest) ihre Kriminalkurzgeschichte aus „Weihnachtsmorde“ vor.

Doris Dittrich

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