Bloß nicht locker lassen

Genka Lapön (G.L.) wirkt erfolgreich als Gleichstellungsbeauftragte unserer Stadt. Ihre äußere Erscheinung ist durch und durch weiblich, ihr Auftreten voller Energie, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen. Insbesondere diese Eigenschaften sind es, die sie den vielfältigen Problemen ihres oft umstrittenen Aufgabenbereichs gewachsen sein lassen. Man sagt, dass sie Mut habe, dass sie bereit sei, selbst unbequeme Fragen zu beantworten. Buchstadtleipzig (BSL) machte die Probe auf ’s Exempel.

 

BSL: „Genau genommen verdeutlicht allein schon Ihre in heutiger Zeit noch so notwendige Funktion innerhalb Leipzigs Kommunalpolitik die gesellschaftliche Ungleichheit von Mann und Frau. Zu unterschiedlich verteilt sind die Chancen der Geschlechter, was Berufswahl, Einsatz in Entscheidungspositionen, Bezahlung, Anerkennung u.a. betrifft. Da dürfte noch eine Menge Arbeit nötig sein, um wirklich Gleichstellung zu erreichen. Wie lange, Frau Lapön, werden wir Ihr Amt noch brauchen?

 

G.L.: Verhältnismäßig lange, wenn man die Anforderungen an unsere Geduld in Betracht zieht, weil Ziele nicht einfach so durch Anweisungen zu erreichen sind. Kurze Zeit jedoch im Vergleich mit der Situation in so vielen Ländern, in denen die Frau noch immer eine Rolle wie im Mittelalter zu übernehmen hat. Immerhin räumt unsere demokratische Gesellschaft, in diesem Fall die der Stadt Leipzig, der Lösung des Problems vielseitig nutzbare Möglichkeiten ein – auch mit meinem Amt.

 

BSL: Gegenwärtig aber scheinen diese Möglichkeiten den diversen Benachteiligungen von Frauen nur schwach Einhalt zu gebieten – was beispielsweise ein von Ihnen initiiertes und im Dezember 2015 stattgefundenes Fachgespräch zum Thema schlussfolgern lässt. Dabei ging es zwar um „Frauen in Kunst und Kultur“, also in einem durch ganz spezielle Bestandteile belasteten Arbeits- und Lebensbereich, aber unter dem Strich der abwechslungsreichen Debatte standen allgemeingültige Feststellungen – insbesondere von Unzulänglichkeiten.

 

G.L.: „Ich weiß, die Vorträge und Diskussionsbeiträge der Künstlerinnen und weiblichen Kulturschaffenden haben konkret gezeigt, welche Nachteile sie im Vergleich mit Männern der Branche in Kauf zu nehmen haben – dass sie in der Regel unterrepräsentiert sind, schlechter bezahlt und auch weniger anerkannt werden als Männer. Preise gehen zu einem sehr großen Teil an männliche Kandidaten. Das scheint mir auch ein Spiegel der Tatsache zu sein, dass in den Verwaltungen vorwiegend Frauen, aber in den Entscheidungsgremien wie Kommissionen ausschließlich Männer wirken. Nehmen wir den 11. Kunstpreis der LVZ. Nominiert wurden elf Personen, und zwar neun männliche und zwei weibliche. Auffälligerweise waren die Anteile der Geschlechter in der Jury ähnlich unterschiedlich. So zieht sich das Problem durch viele entscheidende Prozesse. Dagegen müssen wir angehen. Die vorhandenen positiven Erfahrungen, die es schließlich ebenfalls gibt, hat die Konferenz nicht behandelt. Aber unsere Absicht war ja, das Hemmende hervorzuheben.“

 

BSL: „Selbst das Thema ‚Frauenquote‘ – die zwar umstritten ist, aber der beruflichen Chancengleichheit sehr wohl dienen kann – kam allein als kompaktes Problembündel auf den Tisch. Am Ende, so lautete die Feststellung, werden die reservierten Posten zumeist doch von männlichen Kandidaten besetzt. Das Instrument der Frauenförderung scheint nicht zu funktionieren, infrage gestellt wird statt dessen die Notwendigkeit der Gleichstellung.“

 

G.L.: „Weil auch die Frauen selbst in traditionelle, teils veraltete Denkweisen eingebunden sind. Eingeübtes Rollenverhalten kann man sich schwer abgewöhnen. Als weiblich gilt vielfach noch immer das äußerlich Schöne, als männlich das Dominierende.“

 

BSL: „Viele Frauen seien selbst nicht an verantwortungsvollen Posten interessiert, hört man oft sagen. Sie hätten einfach das nötige Selbstvertrauen nicht.“

 

G.L.: „Das stimmt ja auch, aber Ängste sind Zeichen jeder Veränderung. Die Gesellschaft hat oft Neues hervorgebracht und ist stets zunächst auf Widerstand gestoßen. Wir alle sind Kinder unserer Zeit – an dem, was jetzt ist, wollen wir festhalten, weil es uns vertraut ist. Die meisten Menschen lehnen Veränderungen zunächst als unbequem ab, aber die entschiedensten Gegner einer Sache sind später besonders dafür. Mit dem Festhalten an dieser Erkenntnis haben wir schon vieles erreicht.“

 

BSL: „Beispielsweise?“

 

G.L.: „Schon die Tatsache, dass es meine Funktion gibt, ist ein wesentlicher Fortschritt in Richtung Förderung der Frau, eingeschlossen ihres Selbstbewusstseins. Ich führe einen politischen Auftrag aus, der im Grundgesetz verankert ist, natürlich bezogen auf Leipzig. Ich nehme an den Sitzungen des Leipziger Stadtrates sowie verschiedener Ausschüsse und Beiräte teil, und zwar mit allen Rechten und Pflichten, die diese Teilnahme mit sich bringt. Ich habe beratende und kontrollierende Aufgaben, was beispielsweise unser Kommunalrecht betrifft. Wenn die Stadtväter – gemeint ist die Verwaltungsspitze – neue Regeln verabschieden, überprüfe ich deren zu erwartende lang- und mittelfristige Auswirkungen, übrigens grundsätzlich im Interesse beider Geschlechter. Frauen zu fördern bedeutet ja nicht, Männern ihrer Möglichkeiten zu berauben.“

 

BSL.: „Was wohl manchmal befürchtet wird?“

 

G.L.: „Ja, aber nur noch in geringfügigem Ausmaß. Sogar diese Tatsache zeigt Veränderung im Sinne von Verbesserung. Nehmen wir das Jahr 1906, weil mir für die damaligen Regeln für ein Hochschulstudium für Frauen Dokumente vorliegen. Jede Bewerbung wurde abgelehnt. Die Begründungen hören sich kurios an, üblich waren solche wie: ‚Frauen lenken Männer vom Studium ab‘. Damals bestanden in der Denkweise der Menschen zwei sich ausschließende Verbindungen: Frauen und Fahrrad, Männer und Hausarbeit. Darüber lacht in unserem Land heute doch jeder.“

 

BSL.: „Darüber hat man hier schon vor 50 Jahren gelacht. Aber hat eigentlich die Nachwendezeit, unsere jüngere Vergangenheit, positive Veränderungen hervorgebracht?“

 

G.L.: „Und ob. 1995 habe ich in diesem Amt hier angefangen. Das war eine Zeit der Neuorientierung, manchmal auch der Fehlentscheidungen, geprägt unter anderem durch sozialen Abbau, beispielsweise von der Schließung vieler Bibliotheken und Schulen. Das Thema Familienfreundlichkeit kam praktisch nicht auf die Tagesordnung. Sie sehen, dass das alles vernünftig geändert wurde (BSL-Beitrag ‚Neubeginn mit kleiner Panne‘), auch das.“

 

BSL.: „Ein Blick in Ihr Arbeitsprogramm für 2016 verheißt Vielfalt, die ihre Schwerpunkte entsprechend der Verpflichtungen für Kommunalpolitik, Stadtverwaltung und Öffentlichkeitsarbeit findet. Ihr Erfahrungsschatz ist reich. Würden Sie, Frau Lapön, allen Zweiflern, Gegnern, Enttäuschten der Gleichstellungspolitik ein paar ermunternde Worte mit auf den Weg geben?“

 

G.L.: „Etwas Gutes zu erreichen wird immer Kraft und Mühe kosten. Das müssen wir in Kauf nehmen. Bloß locker lassen dürfen wir nicht.“

(Mit Genka Lapön im Gespräch war Traude Engelmann)

 

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