Subtile Geschichten in Farbe

Die Diplom-Designerin und freiberufliche Illustratorin Anemone Kloos schafft außergewöhnliche Illustrationen für besondere Produkte. Sie illustriert Bücher und zeichnet für Verlage, Magazine und Agenturen. Ihre schönsten Kreationen sind gegenwärtig und noch bis zum 01. März 2016 im Soziokulturellen Zentrum Frauenkultur, Windscheidstraße 51, 04277 Leipzig unter dem Titel „Kopfchaos“ ausgestellt.

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Ein Kopfchaos in Worte zu fassen, das erscheint als wagemutig und wie zum Scheitern verurteilt, denn mittels unserer Sprache sehen wir uns verpflichtet, unsere Gedanken unmittelbar logisch und verständlich auszudrücken. Lyrik ist für das Widerspiegeln eines wirren geistigen Prozesses, wenn es denn mittels Sprache sein soll, vielleicht am ehesten das passende Medium. Aber auf eine noch deutlichere Art verständlich funktioniert die Darstellung eines Chaos, das im Kopf stattfindet, durch Bilder – also Gemälde, Zeichnungen, Illustrationen. Davon ist man zumindest dann überzeugt, wenn man die fantasievollen Kunstwerke von Anemone Kloos gesehen hat.

Darin treten Naturgesetze und Logik mitunter zurück, und magische, fantastische, etwas wunderliche und stets einzigartige Figuren stehen im Vordergrund. Mit Gespür für Farbe und Atmosphäre erweckt die Künstlerin skurrile Märchengestalten und HeldIinnen aus der klassischen Literatur zum Leben und zeigt sie uns, wie wir sie uns niemals zuvor vorgestellt haben oder eben gerade so.

Auf diese Weise begegnen uns die Kannibalenhexe aus „Hänsel und Gretel“, „Schneewittchen“ – dieses übrigens als Ausschnitt aus einem größeren Werk – sowie „Rotzaffrotkäppchen“. Letzteres ist eine Figur, die das bekannte Märchen quasi anhand weniger filigraner Striche ganz neu, ganz anders, ganz modern erzählt: Rotkäppchen als selbstbewusstes, furchtlos dreinblickendes und eben etwas rotziges Kind, dem doch so etwas wie ein Wolf ganz sicher keine Angst machen kann.

Diese drei Märchenfiguren und noch der Baummann dazu sind übrigens die einzigen Bilder der Ausstellung, die noch vor Anemone Kloos‘ Zeit in Leipzig entstanden sind. Hierher kam die Künstlerin nämlich erst vor wenigen Jahren. Geboren wurde sie 1986 im rumänischen Transsilvanien, aufgewachsen ist sie in Augsburg, wo sie in den Jahren von 2005 bis 2010 Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration studiert. Es folgten eine längere Reise durch Europa und 2011 dann der Umzug in unsere Stadt. Von hier konnte sie bis jetzt noch nichts wieder weglocken.

Leipzig brachte die Farbe in ihre Kunst. Anemone Kloos‘ Arbeiten aus der Zeit vor 2011 sind überwiegend in Schwarzweiß gehalten. Ihre Schöpfungen sind Kompositionen mittels der drei Techniken Zeichnen, Scannen, Zusammensetzen. Das außergewöhnliche Verfahren gibt ihr die nötige Freiheit, nicht sofort mit jedem Zeichenstrich entscheiden zu müssen, wie das jeweilige Bild schlussendlich aussehen soll und lässt sie dessen Aussage auf ganz besonders magische Weise verdichten.

Auch der Maltechnik des Aquarellierens bedient sich die Künstlerin bisweilen, wobei sie die Farben fast unkontrolliert fließen lässt, um sich selbst immer wieder vom Ergebnis überraschen zu lassen.

Anemone Kloos ist ein großer Fan der russischen Literatur mit deren surrealen Geschichten und zauberhaften, aber auch ver-rückten, also von der Norm abgerückten, Figuren. Deshalb verfasste sie

ihre Diplomarbeit für ihren Abschluss als Diplom-Designerin zum Thema „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen – eine illustrative Auseinandersetzung mit Nikolaj Gogol“. Und auch hier in der Ausstellung treffen wir auf den Protagonisten eines russischen Werkes, der Erzählung „Bobok“ von Fjodor Dostojewski.

Seit 2012 arbeitet Anemone als freiberufliche Illustratorin, wobei sie zunächst eher Editorial- Illustrationen für Zeitungen und Magazine oder Werbung schuf und erst seit letztem Jahr auch an Kinderbüchern mitwirkt. So hat sie beispielsweise das Buch „Sisi erzählt für Kinder“ auf ganz wundervolle Weise gestaltet.

Neuerdings können wir sie zudem auf Streetartfestivals antreffen, denn seit 2014 macht sie als Ausgleich für die Arbeit am Rechner zusammen mit der Gruppe AIM Kunst auf großen Wänden.

Natürlich gibt es nicht nur Auftragsarbeiten von Anemone Kloos und eigentlich steckt viel mehr hinter dem Anlass für ihre Bilder als bloßer Lohnerwerb. In der Ausstellung des soziokulturellen

Zentrums Frauenkultur sind fast ausschließlich freie Arbeiten von ihr zu sehen, ausgenommen das Bild mit den weißen Hasen, ein Werbeplakat für eine Duisburger Party-Reihe, sowie den „Brunnengott“, den sie im Rahmen des UNICEF-Projektes „Wasser wirkt“ schuf. Die Gestalt verdeckt sich die Augen, um den Empfänger ihrer lebensnotwendigen Spende nicht zu sehen, weil Wasser allen zusteht. Inspiriert zu diesem Bild hat Anemone Kloos ein ausgetrockneter Brunnen im Dresdner Zwinger, von dessen Erscheinungsspektrum in Braun, Rost- und Moosfarben sie bis heute ganz fasziniert erzählen kann.

Die Anordnung der Bilder in den Ausstellungsräumen lässt nicht zufällig erkennen, dass der Ausdruck der Figuren immer abstrakter wird bis hin zu ganz wenigen ordnenden Linien. So kann der Betrachter einen weiteren von vielen Entwicklungsprozessen in Anemone Kloos‘ Kunst nachvollziehen.

Noch bis zum ersten März können Sie sich betören lassen von einem Potpourri aus charmanten, absonderlichen und ausdrucksvollen Wesen, eintauchen in eine Welt voller Farbkleckse, die Ihnen subtile Geschichten erzählen – von vergangenen Zeiten, von Einsamkeit, aber auch von purer Lebensfreude und dem Wunsch, die Welt zu entdecken. Und damit auch das Zauberhafte und Merkwürdige in uns selbst.

Katja Wallenhorst

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