Buchstadt-Faktor Universität

Der nächste Angriff auf die Buchstadt Leipzig rollt. Ziel ist die Universität. Ohne die enge Verknüpfung mit seiner herausragenden Universität wäre Leipzig zwischenzeitlich niemals zu einer Welthauptstadt des Buches aufgestiegen. Der legendäre Uni-Rektor, Sprachwissenschaftler und Theaterreformer Johann Christoph Gottsched (1700-1766) zählt deshalb zu den maßgeblichen Gründervätern dieser Buchstadt. Jetzt droht der Sparhammer auch sein Erbe zu zerschlagen. Am Freitag, den 4. April, erfolgt um 16 Uhr die nächste Weichenstellung.

Die Diskussion über die Zukunft findet an geeigneter Stelle statt: In der einstigen Verleger-Villa Klinkhardt, dem heutigen Domizil der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (SAW) zu Leipzig, treffen Spitzen aus Politik und Wissenschaft zusammen. Gemeinsam mit Hochschulrektoren erörtern sie die Lage und welche Wege daraus zu folgern sind.

Ende 2013 fand im Sächsischen Landtag eine merkwürdige Debatte statt. Da ging es um die Bedeutung und Zukunft des Wissenschaftsstandortes Sachsen. Alle waren sich darüber einig, dass Bildung und Wissenschaft zentrale Säulen für die Zukunft sind und auch für die Entwicklung der Wirtschaft eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Buchstadt Leipzig ist ein gutes Beispiel dafür.

Dann aber riss ein Streit zwischen Regierung und Opposition Gräben auf, die sich nicht wieder überbrücken ließen: Die Regierungsparteien CDU und FDP setzen im Hinblicke auf mögliche Verteilungsschlüssel und Investitionen vor allem auf Schwerpunkte, die einen unmittelbaren Bezug zur Wirtschaft haben und finden solche bevorzugt im Bereich der Naturwissenschaften, der Technik und der Wirtschaft selbst.

Bei den Theaterwissenschaften zum Beispiel erkennt die sächsische Regierung diesen unmittelbaren Wirtschaftsbezug offenbar nicht. Professor Gottsched würde das strikt anders bewerten. Wobei ihm die Geschichte der Buchstadt Leipzig handfeste wirtschaftliche Argumente dazu liefern würde …

Zur Erinnerung und Anregung mag auch das Wirken eines bedeutenden Verlegers Eingang finden: Als der kluge Kaufmann und Wirtschaftsexperte Gottfried Möckel (1926-2009) in die Geschäftsleitung der Weltmarke Breitkopf & Härtel einstieg, trug er nicht nur wesentlich dazu bei, Ende der 1970er Jahre eine gravierende Krise zu überwinden, sondern das 1719 in Leipzig gegründete Unternehmen sogar gestärkt aus dieser schwierigen Situation hervorzubringen.

Gottfried Möckel hat dabei stets auf Weitblick und ein Fortschreiben erfolgreicher Geschichte gesetzt. Als kluger und innovativer Kopf besaß er die Gabe, auch im dichten Nebel besondere Talente und Optionen zu entdecken und hierzu nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

Als erfahrener Wirtschaftsfachmann wusste er zugleich, dass die bloße Liebe zu besonderen Traditionen nicht reicht, ein einträgliches wirtschaftliches Fundament zu erschaffen. Er dachte quer und breiter – und das auch nicht allein im stillen Kämmerlein. Hohe Qualität und herausragende Strahlkraft zeichnen die Angebote von Breitkopf & Härtel aus – so wie einst auch eine vielfältig und exzellent aufgestellte Universität Leipzig zu den Weltmarktführern zählte. Was auch einem Blick über Tellerränder zu verdanken war und einer hohen Ambition bereits im Selbstverständnis.

Unter dem Titel „Unklug sparen? Zum Ende der Idee der Volluniversität im Osten Deutschlands“ diskutieren am 4. April also Hochschulrektoren, Wissenschaftler und Politiker über die Folgen und mögliche Perspektiven der aktuellen Bildungspolitik. Wobei es nicht allein um die Universität Leipzig geht, sondern um den gesamten mitteldeutschen Raum mit Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig lädt zu diesem richtungsweisenden Akademie-Forum, das wichtige Erkenntnisse produzieren kann, in die einstige Verleger-Villa Klinkhardt in der Karl-Tauchnitz-Straße 1 ein – und spricht bereits im Vorfeld Klartext: „Die Landesregierungen Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens verordnen ihren Hochschulen Diät. Doch die Reserven für die erneute Hungerkur sind längst aufgebraucht.“

Das Podium der Diskussion über eine drohende „Uni light“ ist prominent und kompetent besetzt mit Rektorin Beate Schücking (Leipzig), Rektor Udo Sträter (Halle/ Saale), Eva-Maria-Stange (Bildungs- und kulturpolitische Sprecherin der sächsischen SPD-Landtagsfraktion) und Charlotte Schubert (Professorin für Alte Geschichte an der Universität Leipzig). Teilnehmen werden zudem Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden, sowie zahlreiche Bundestags- und Landtagsabgeordnete der unterschiedlichen Parteien.

Gastgeber SAW hat brisante Detail-Themen zusammengetragen: „Mittlerweile streichen die Universitäten ganze Fächer aus ihrem Angebot, um die Sparvorhaben erfüllen zu können. Auf der roten Liste stehen zum Beispiel die Archäologie und die Theaterwissenschaften in Leipzig, die Medienwissenschaften, die Psychologie und Informatik in Halle/ Saale und die Humanwissenschaften in Magdeburg.“

Diese Entwicklungen werfen zahlreiche Fragen auf. Etwa diese, wie die SAW hervorhebt: „Geben die Universitäten im Osten Deutschlands mit den Fächerstreichungen und der weiteren Profilierung die Idee einer Volluniversität nun doch auf? Gehen die Kürzungen an den Unis nicht auch zu Lasten einer ganzen Region, die besonders für junge und gut ausgebildete Menschen attraktiv sein muss?“

Die Veranstaltung knüpft mit ihrem Titel an das Forum „Klug sparen? Wissenschaftsentwicklung in der Krise“ an, das vor drei Jahren in der Akademie der Sächsischen Wissenschaften zu Leipzig stattfand.

Schon damals im Jahre 2011 trafen sich Fachleute aus Wissenschaft und Politik angesichts drastischer Haushaltskürzungen und den damit einhergehenden Problemen. Im Ergebnis stand seinerzeit eine Warnung: Bildung darf als der stärkste Motor für Innovationen und eine langfristige Entwicklung der Wohlstandsicherung nicht bis zum Stillstand gedrosselt werden!

Deshalb fragt die SAW nun erfrischend provokant: „Stottert der Motor mittlerweile schon?“ Andere betrachten ihn sogar bereits als abgewürgt …

Holger Gemmer

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