Kampf der Trojaner in Leipzig

Der sagenhafte Kampf um Troja ist noch nicht beendet. Auch in der Wissenschaft tobt ein ewig währender heftiger Schlagabtausch dazu. Mittendrin in dieser Schlacht das Buch „Troia und Homer“ des Altphilologen Joachim Latacz, erschienen bei Koehler & Amelang. Der ruhmreiche Leipziger Verlag kennt sich aus mit Trojanern – und kämpfte einst selbst gegen einen.

Die Geschichte des deutschen Verlagswesens ist lang, ruhmreich und weitverzweigt. Ein daraus erwachsenes und kaum zu durchdringendes Dickicht fördert den Schluss: Die deutsche Verlagslandschaft ähnelt einem Swingerclub.

Ein eher leicht zu lösendes Rätsel in dieser Runde bietet der traditionsreiche Leipziger Verlag Koehler & Amelang, der sich über die edle Verlagsgruppe Seemann Henschel seit 2004 wieder am Ort seiner größten Erfolge tummelt.

Die Anfänge reichen weit zurück bis ins Jahr der Französischen Revolution, die ab 1789 in Europa für reichlich Aufbruchstimmung und Bewegung sorgte. In diesem Jahr gründete Karl Franz I. Gottfried Koehler (1764-1833) in Leipzig den Verlag K.F. Koehler.

Ein wenig später, als Napoleon 1806 bei Jena und Auerstedt die Truppen Preußens und Sachsens entscheidend schlug, gründete Carl Friedrich Amelang (1785-1856) in Berlin den Verlag C.F. Amelang. In den 1850er Jahren holte diesen dann Friedrich Volckmar (1799-1876) nach Leipzig und baute ihn in Verbindung mit seinem eigenen Verlag deutlich aus.

Parallel zu diesem Verlagsgeschäft entwickelten die Herren Volckmar und Koehler sowie ihre Nachfahren neben weiteren Tätigkeitsfeldern zwei führende Riesen im Bereich des Kommissions- und Großbuchhandels: F. Volckmar und K.F. Koehler.

Diese fusioniertem 1918 zum Giganten Koehler & Volckmar mit zwei prachtvollen Zentralen im Täubchenweg gleich neben Meyers Bibliographischem Institut und an der Prager Straße zwischen Stephanstraße und Gutenbergplatz. 1925 verschmolzen dann auch die beteiligten Verlage – und auf diese Weise entstand der Verlag Koehler & Amelang als eigenständiger Teilbereich des Konzerns.

Bis hier hin klingt es noch relativ einfach überschaubar. Dann aber kamen 1933 die Nazis. Die entwickelten sofort auch großes Interesse an Koehler & Volckmar, weil dieser Gigant zugleich das Nadelöhr darstellte, durch das man mit einem Griff die Kontrolle über nahezu den gesamten deutschen Buchhandel in die Hand bekommen würde.

Bei Koehler & Volckmar blieb man jedoch auf Distanz zu den neuen Machthabern. Schon aus einer Tradition, die der Gründervater Friedrich Volckmar bereits 1829 gelegt hatte und auf dieser Basis über viele schlaue Kniffe auch verbotene Bücher auslieferte. Damit hatte er einst „Rebellen-Verlagen“ wie zum Beispiel Hoffmann & Campe aus Hamburg und dessen Autoren wie Heinrich Heine das Überleben gesichert.

In ähnlicher Weise wurden nun „Bücher-Verbrennungslisten“ der Nazis ignoriert. Diese installierten und aktivierten deshalb einen „Trojaner“ und es entwickelte sich eine Übernahmeschlacht, die zu den größten Kriminalgeschichten des deutschen Buchhandels zählt.

Der Sax-Verlag publizierte dazu unter dem Titel „Unternehmer im Nationalsozialismus. Machtkampf um den Konzern Koehler & Volckmar“ ein aufschlussreiches Werk des Leipziger Buchwissenschaftler Dr. Thomas Keiderling. Dessen Chef Prof. Dr. Siegfried Lokatis schwärmt darüber auch zu vorgerückter Stunde mit leuchtenden Augen: „Das liest sich wie ein Thriller. Eine ganz perfide Geschichte, die die Nazis am Ende trotzdem verloren.“

Es kam 1938 zu einer Art Vergleich, der die bestehende Familienstruktur in der Konzernleitung bestätigte. Gekostet hat das ein paar Anteile am Verlag Koehler & Amelang, weshalb bis heute mehrere Verlagshäuser auf das Gründungsjahr 1789 verweisen und ihre Wurzeln im Hause K.F. Koehler sehen.

Oliver Voerster, Mitglied der sechsten Generation der von Friedrich Volckmar begründeten Verleger-Dynastie und seit 1995 in der Leitung des Familienunternehmens KNV, das aus den Ruinen des vorherigen Konzerns Koehler & Volckmar auferstanden ist, ging noch 2004 in einer Publikation zum 175. Firmenjubiläum umfangreich und emotional auf diese alte Geschichte ein: „Die Rettung gelang durch ein konsequentes und äußerst gefährliches Vorgehen unserer Großväter.“

Der eigentliche Verlag Koehler & Amelang gelangte nach einer kleinen Odyssee durch verschiedene Unternehmen schließlich dank einer Initiative und visionären Investition der kurz zuvor begründeten Verlagsgruppe Seemann Henschel im gleichen Jahr 2004 an den Ort seiner Wiege zurück. Die Büros finden sich im „Haus des Buches“ am Gerichtsweg und somit auf halbem Wege zwischen den einstigen Palästen von Koehler & Volckmar.

„Odyssee“ und „Ilias“ werden einem gemeinsamen Autor zugerechnet: Homer. Einer der führenden Experten für Homer und seine Epen ist der deutsche Altphilologe Joachim Latacz. Der unterstützt mit seinem bei Koehler & Amelang veröffentlichten Buch „Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels“ den 2005 verstorbenen Archäologen und Troja-Forscher Manfred Korfmann und dessen Ansichten, dass Homers Epos auf historische Ereignisse in der Bronzezeit zurückgehe.

In seinem mehrfach aufgelegten und wiederholt erweiterten Werk „Troia und Homer“ beschreibt Joachim Latacz diese Hintergründe und die damit verbundenen Entdeckungstouren. Hier werden Geschichte und Epos gleichsam lebendig und greifbar. Und quasi auch Teil einer Schlacht …

Der Verlag Koehler & Amelang hat sich einen Namen gemacht mit hochkarätigen Publikationen zur Geschichte wie auch zur Kunst- und Kulturgeschichte. Wissenschaftlich bedeutende Autoren wie Joachim Latacz fördern das.

Holger Gemmer

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