Paradies für Bücherfreunde

Leipzig galt lange Zeit als Zentrum der Bücherwelt, doch spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg und der anschließenden deutschen Teilung wurde dieser Status zerschlagen. Eine vergleichbar mächtige Konzentration kann und muss es heute mit Blick auf die Globalisierung und moderne Technik auch nicht mehr geben. Die Buchstadt Leipzig jedoch lebt und ist sogar ein Paradies für Bücherfreunde.

Im Jahre 1764 stürmte Leipzig im Kampf um ein Urheberrecht an die Spitze der Buchbranche im deutschsprachigen Raum und stieg im 19. Jahrhundert dann sogar zu einer „Welthauptstadt des Buches“ auf.

1914 wurde ein Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlangsamte sich der Aufwärtstrend jedoch und die verheerenden Bombennächte des Zweiten Weltkrieges ließen von den mehr als 2.000 graphischen Betrieben nicht viel übrig. 50 Millionen Bücher verbrannten und internationale Beobachter verglichen die Katastrophe mit dem Brand der Bibliothek von Alexandria in der Antike.

Die Buchstadt Leipzig hat seitdem ein anderes Gesicht. Sie lebt in den Herzen der Menschen fort, die sich für das Thema Buch begeistern oder zumindest ansatzweise damit zu tun haben. Sie ist aber auch ganz real greifbar – und das mit vielen Attraktionen.

Der Zauber der Buchstadt umhüllt Leipzig aber nicht allein deshalb, weil hier im 19. Jahrhundert und bis ins frühe 20. Jahrhundert das Herz des Kommissions- und Großbuchhandels im deutschsprachigen Raum schlug.

Obwohl er in einer erfolgreichen Handelsstadt mit einem geschäftstüchtigen Bürgertum gründete, reifte der Mythos Leipzig nicht aus reinen Wirtschaftsfaktoren, sondern verstärkt auf einer besonderen Hinwendung zu Kunst und Kultur sowie unter Einbeziehung eines leistungsstarken Wissenschaftsbetriebes und eines regen interdisziplinären und internationalen Austausches.

Etwa der kürzlich viel zu früh verstorbene Wissenschaftler Detlef Döring, der das Leben und Werk des Sprachgestalters, Theaterreformers und Literatur-Papstes Johann Christoph Gottsched an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften erforschte und eindringlich nicht zuletzt über sich gegenseitig befruchtende Zusammenhänge des Literaturmarktes mit Wissenschaftsstandorten und Verlagshochburgen publizierte, legte großen Wert auf die Beachtung dieser Grundlagen.

Anno 2015 sind in Leipzig rund 100 vorwiegend kleine Verlage beheimatet, die mit prächtigen Publikationen glänzen. Ausgezeichnete Bibliotheken, wie die Deutsche Nationalbibliothek, die weitverzweigte Universitätsbibliothek mit der wunderschönen Bibliotheca Albertina im Zentrum, die prächtige Stadtbibliothek und eine Vielzahl von Fachbibliotheken vereinen ein kaum fassbares Potential.

Hinzu kommen zahlreiche Buchhandlungen, unter denen sich neben Vertretungen großer Ketten liebevoll geführte Spezialanbieter tummeln. Lesecafés, Literatursalons und Literaturhäuser wie das traditionsreiche Haus des Buches an historisch herausragender Stelle bieten ergänzend zu Festivals und gemeinsam mit anderen Einrichtungen nahezu ständig Lesungen, Autorengespräche und literarische Diskussionsrunden.

Im Frühjahr als ein besonderer Höhepunkt des Jahres die Leipziger Buchmesse mit dem gewaltigen Lesefest „Leipzig liest“. Und alles fußläufig und kompakt auf einem reizvollen Terrain vereint. Das ist ganz typisch für die Buchstadt Leipzig, die zudem einige Museen zur Geschichte des Buchdruckes und verschiedene Hochschul-Studiengänge im Bereich Buch- und Verlagswesen anbietet.

Aufwändig sanierte Verlagspaläste und liebevoll restaurierte Verleger-Villen lassen vielerorts an alte Zeiten erinnern und führen zugleich ein in eine gegenwärtige Aufbruchstimmung, die etwa auch das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL) als traditionsreichste deutsche Autorenschmiede vermittelt oder die Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB).

In Leipzig kann man sogar in Deutschlands größter „Bücherkiste“ wohnen: Die CG Gruppe hat das einstige Herzzentrum des deutschen Kommissions- und Großbuchhandels, die ehemalige Schaltzentrale des Branchenprimus Koehler & Volckmar – aus der in der DDR der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) wurde – in der Prager Straße, saniert und wiederaufgebaut und es unter dem Namen LKG- Carré in eine beeindruckende Wohnanlage umgewandelt.

In der Auguste-Schmidt-Straße eröffnete im Sommer 2015 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mendelssohn-Haus das Book-Hotel-Leipzig, in dem Übernachten in literarischem Ambiente offeriert wird. Zwei weitere Beispiele für die Allgegenwärtigkeit einer Buchstadt Leipzig, die sich reizvoll und lebendig wie selten zuvor in ihrer mehr als ein halbes Jahrtausend umfassenden Geschichte zeigt.

Holger Gemmer

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